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: Küsse aus der Finsternis

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Zwei Jahre lang war der schwedische Fotograf Anders Petersen in den späten sechziger Jahren Stammgast im "Café Lehmitz", dem Namen zum Trotz keineswegs ein Kaffeehaus, sondern eine Stehbierhalle am Ende der Reeperbahn: nächtlicher Treffpunkt von Strichern und Prostituierten, Arbeitslosen und Alkoholikern, ...

          Zwei Jahre lang war der schwedische Fotograf Anders Petersen in den späten sechziger Jahren Stammgast im "Café Lehmitz", dem Namen zum Trotz keineswegs ein Kaffeehaus, sondern eine Stehbierhalle am Ende der Reeperbahn: nächtlicher Treffpunkt von Strichern und Prostituierten, Arbeitslosen und Alkoholikern, dem menschlichen Bodensatz der Hamburger Vergnügungsmeile, wenn man so will.

          Zwei Jahre lang fotografierte er dort, Nacht für Nacht, nicht etwa in der Hoffnung, noch stärkere, noch ausgefallenere Bilder zu bekommmen, sondern um möglichst engen Kontakt zu den Menschen zu finden. Am Ende, so hat man den Eindruck, war er einer von ihnen - und damit unsichtbar. So erinnern zwar etliche seiner Motive an die bizzaren Kneipenwelten etwa eines George Grosz oder Otto Dix, aber seinen Fotos fehlt jeglicher Zynismus. Das Buch, das 1978 aus der Serie entstand, zählt heute zu den wichtigsten Fotobänden des zwanzigsten Jahrhunderts; und nicht zuletzt für diese Arbeit wurde Anders Petersen dieser Tage von der Deutschen Gesellschaft für Photographie mit dem angesehenen Dr.-Erich-Salomon-Preis ausgezeichnet.

          Auch in seinen künftigen Sozialreportagen widmete sich Petersen überwiegend den Schattenseiten der Welt. Er verbrachte lange Zeit im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses, um die Insassen zu fotografieren. Er berichtete über die Patienten einer psychiatrischen Anstalt. Und er dokumentierte Zustände in einem Altenheim. Etwa zwanzig Bücher sind so entstanden.

          Nun liegt ein neuer, faszinierender Bildband vor, ein kleines Büchlein von fast intimem Charakter, und man tut der Arbeit sicher nicht unrecht, wenn man sie als optisches Tagebuch bezeichnet, mehr noch vielleicht sogar als Notizbuch. Rätselhafte Aufnahmen in härtestem Schwarzweißkontrast folgen einander ohne rechten Sinn. Hier eine Nackte auf einem Balkon, dort ein Schwarm von Insekten, da ein Teller mit Austern und Fußspuren auf einem verschneiten Friedhof. Jedes Bild gleicht der Illustration eines düsteren Märchens. Mehr schaurig als schön. Und dann beginnt man zu ahnen, dass dieser Fotograf, der den Blick sonst in die Abgründe der Gesellschaft richtet, diesmal in die Tiefe seiner Seele schaut. Es ist, als sortiere er seine Albträume. Nicht Freunde schälen sich aus diesen finsteren, undurchdringlichen Hintergründen, sondern Dämonen. Womöglich kann ein solcher Spuk gar nicht ausbleiben, wenn man sein halbes Leben im Elend verbracht hat - und vielleicht wird ein Fotograf seiner nur auf diese Weise Herr.

          FREDDY LANGER

          Anders Petersen: "frenchkiss". Kehrer Verlag, Heidelberg 2008. 116 S., Abb., geb., 28,- [Euro].

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