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: Künstler, seid nett zu den Leuten!

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Wie durch einen Schicksalsroman arbeitet man sich in HP Riegels Biographie Seite für Seite durch das Leben des Malers Jörg Immendorff, liest von seiner schweren Kindheit, der Trennung der Eltern, seiner Zeit auf dem Internat, seinem Hang zum Exzess, zu Prostituierten und Drogen, erfährt von seiner Talentlosigkeit ...

          Wie durch einen Schicksalsroman arbeitet man sich in HP Riegels Biographie Seite für Seite durch das Leben des Malers Jörg Immendorff, liest von seiner schweren Kindheit, der Trennung der Eltern, seiner Zeit auf dem Internat, seinem Hang zum Exzess, zu Prostituierten und Drogen, erfährt von seiner Talentlosigkeit und wartet lange auf den Durchbruch als Künstler - auch in der Gunst des Autors, seines jahrelangen Beraters HP Riegel.

          Doch die Sympathiebekundung bleibt aus. Der Autor leidet selbst an diesem tragischen und letztlich auf so absurde Weise erfolgreichen Künstler, dessen Entwicklung er anhand von Gesprächen und eigenen Erfahrungen nachzeichnet: Es ist ein harter Weg. HP Riegel lässt Partnerinnen und Freunde sprechen: Immendorff habe "kein Talent". Er sei "konzeptlos", "pubertär" und "naiv". Er sei "wie der kleine Fritz, wenn er denn zu was kommt". Es mangele ihm an "Durchdringung des Themas". Sein Bilderkosmos wird zur "Endlosschleife eines Künstlerstadls". Die Beschreibung ist kompromisslos. Immendorff verdanke seinen Ruhm dem engen Netz seines Galeristen Michael Werner.

          Immendorff wurde am 14. Juni 1945 geboren - in ein "verwüstetes Land". Später wird er seinen Geburtstag jedes Jahr als "Parteitag" feiern. Immendorff ist Einzelkind; sein erstes Trauma erfährt er durch die Scheidung seiner Eltern. Der Tod des Vaters und die verpasste Chance, mit ihm in Kontakt zu kommen, werden zum zweiten, nachhaltigen Schock. Auf einem Bonner Internat mit zwölf Jahren ist der "zarte, ängstliche Immendorff" den Ritualen der Mitschüler ausgeliefert. Er war "schwächlich, sportlich unbegabt", doch bei einer Aufführung des Sommernachtstraums hat er eine Art "Erweckungserlebnis" beim Gestalten des Bühnenbilds.

          Er will auf die Düsseldorfer Kunstakademie; noch mit einer sehr "romantischen Vorstellung" des Künstlerberufs. Zum Studienantritt erscheint er mit "einem schwarzen Umhang sowie einem Stock mit Silberknauf". Sein Mitstudent Franz Erhard Walther beschreibt ihn als "einen ganz netten, lieben, weichen Jungen, zuvorkommend, höflich". Sein Lehrer Beuys wird für ihn die Aura eines gutmütigen Vaters ausstrahlen; er ist eine seiner zentralen Bezugspersonen. Die coolen "Jungs" in Düsseldorf aber waren andere: "Palermo, Polke, Richter. Die fanden den vollkommen "idiotisch".

          Immendorff muss provozieren, um auf sich aufmerksam zu machen, überwirft sich mit dem mächtigen Düsseldorfer Galeristen Schmela. Er wird jahrelang in Deutschland nicht ausstellen können. Gemeinsam mit der Künstlerin Chris Reinecke, der ersten seiner drei Ehefrauen, beginnt er das "Lidl"-Projekt. Sie fordern polemisch: "Künstler, seid nett zu den Leuten!" Eine seiner wichtigsten politischen Performances war, als er am 31. Januar 1968 mit einem schwarzrotgoldenen Holzklotz am Bein vor dem Bundeshaus in Bonn auf und ab geht und wegen Beschädigung der Flagge verhaftet wird. Doch der Vorwurf der Naivität haftet ihm an: Im März 1968 wandelt er, "einem Sternsinger gleich, mit einem Stab, auf den er einen Eisbären aus Pappe montiert hat, durch die Straßen". Jahre ohne große Anerkennung folgen. Er wird Lehrer. Der "Coach", Galerist Michael Werner, rettet ihn, "lässt sich aus einer Mischung von Wagemut und Weitsicht" auf den Künstler ein, erwirbt praktisch sein gesamtes Frühwerk.

          1979 hat Immendorff seine erste große Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Seine drei "Café Deutschland"-Bilder stehen im Zentrum. Das Unbehagen an der mangelnden stilistischen Eleganz wird umgedeutet zur Protesthaltung. Das "Scheitern" wird zum Lebensprinzip. Immendorff scheitert bei Riegel, "erwartungsgemäß".

          Der Durchbruch gelingt immerhin noch vor der Mitte des Buchs: "Es ist an der Zeit, sich in die Schlacht zu werfen". Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1981. Immendorff ist sechsunddreißig Jahre alt. Nun geht es ihm nur noch um die "Popularisierung seiner eigenen Person". Die Kontrolle des "Images" ist entscheidend: "Er erlag der Verlockung, vorbei an seinem Galeristen direkt an Sammler und Galeristen zu verkaufen." Die Schraube dreht sich immer weiter, im Koksrausch und anderen Exzessen.

          Immendorffs letzte dekadente Jahre werden kurz abgehandelt, was auch der Angst vor juristischen Konsequenzen geschuldet ist (F.A.Z. vom 15. September). Die Ratlosigkeit des Autors und Freundes spricht aus jeder Zeile, jedem Seufzer wohnt viel Unverständnis inne. Zur Geltung kommt aber Immendorffs Kampfgeist, obwohl er immer Außenseiter blieb (außer als er in die Gunst von Gerhard Schröder kam). Zu den großen Talenten des zwanzigsten Jahrhunderts zählte er nicht. Eine eigenwillige, lautstarke Persönlichkeit ist er gewesen. Und die braucht eine Gesellschaft, um in Bewegung zu bleiben.

          Hans-Peter Riegel: "Immendorff". Die Biographie. Aufbau Verlag, Berlin 2010. 399 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

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