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: Im Reich der bunten Finsternis

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Es muss kein Fehler sein, wenn sich ein Fotograf bei seiner Reise durch Amerika ein Vorbild auf den Rücksitz des Wagens lädt. Bildlich gesprochen. Robert Frank hat es auch so gemacht. Mitte der fünfziger Jahre war er unterwegs in dem gebrauchten Ford, den ihm Peggy Guggenheim geschenkt hatte, ein Straßenkreuzer ...

          Es muss kein Fehler sein, wenn sich ein Fotograf bei seiner Reise durch Amerika ein Vorbild auf den Rücksitz des Wagens lädt. Bildlich gesprochen. Robert Frank hat es auch so gemacht. Mitte der fünfziger Jahre war er unterwegs in dem gebrauchten Ford, den ihm Peggy Guggenheim geschenkt hatte, ein Straßenkreuzer von der Größe eines Schiffs, der ihm und seiner Familie im Laufe von mehr als einem Jahr nicht nur Vehikel war, sondern oft genug auch Wohnung. Im Geiste mitgefahren ist damals Walker Evans. Von dessen Bildband "American Photographs" war Frank so fasziniert, dass er ihm nicht nur als Katalog all dessen diente, was das Bild der amerikanischen Provinz ausmacht. Vielmehr wurden etliche der Aufnahmen zur Matrix für seine eigenen Fotos.

          Manchmal sind es nur die Gesten der Abgebildeten oder die Formen der Gegenstände, die an das Vorbild erinnern, manchmal aber kommen sich die Kompositionen derart nah, so dass man etliche Aufnahmen der beiden Fotografen fast deckungsgleich übereinanderlegen kann. Und doch verbarg sich ein jeweils anderer Geist hinter den Arbeiten, der sich bei Frank in einer radikal neuen Ästhetik entlud. Dort, wo Evans mit seiner Großbildkamera mitunter tagelang auf ideale Aufnahmebedingungen wartete, schoss Frank mit der Kleinbildkamera manchmal um sich wie ein Amokläufer. Unschärfen und grobes Korn, gekippte Horizontlinien und extrem angeschnittene Personen wurden ihm zum Stilmittel in einem Werk, das sich der Kehrseite des amerikanischen Traums widmet.

          Nun ist André Lützen in Amerika unterwegs gewesen. Drei Monate lang fuhr von durch den Südwesten und den tiefen Süden der Vereinigten Staaten, vom Colorado zum Mississippi. Immer dabei war Robert Frank. Auch bei Lützen liegt die Tristesse allerorten wie Mehltau auf dem Leben. Die Menschen starren aus leeren Gesichtern vor sich hin. Ihre Umgebung besteht aus zerbeulten Wohnwagen, unmenschlich kühl eingerichteten Büros und aseptisch sauberen Fußgängerzonen. Einzig der polierte Lack der Automobile lacht und glitzert im Licht der untergehenden Sonne. An einer Bürowand erinnert der Kunstdruck einer Wildwest-Kutsche an eine vermeintlich bessere Zeit.

          "Before Elvis there was nothing" nennt Lützen seinen Fotoband - das war John Lennons Einschätzung der amerikanischen Kultur. Aber auch nach Elvis ist nicht viel geblieben, fügt Lützen nun mit seinem Bilderbogen hinzu. Was er auf seiner Reise fand, war eine Welt, die sich zufriedengibt mit Ersatz. Hier die Folklore-Veranstaltungen der Indianer, dort bonbonbunte Plastikblumen in einem Blumenkasten. Die rätselhaften Zeichen auf grauem Grund werden bei näherem Hinsehen zu fortgeworfenen Pommes frites.

          Wie damals Robert Frank hat auch Lützen die Bildsprache weiterentwickelt. Er fotografiert in Farbe, er fotografiert sogar bunt. Doch aller leuchtenden Effekten zum Trotz schwebt eine erschütternde Melancholie über den Aufnahmen. So illustriert Lützen mit seinem Buch, wie bitter nötig Amerika den Neuaufbruch braucht. Es ist ein verstörendes Buch - und ein großartiger Fotoband.

          "Before Elvis there was nothing" von André Lützen. Mit einem Text von Nora Luttner sowie einem Vorwort von F.C. Gundlach. Kehrer Verlag, Heidelberg 2008. 108 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden, 40 Euro.

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