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: Im Biotop der modernen Künstlerlegenden

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Es gibt Verlage, die sich auf großformatige, schön bebilderte Bücher spezialisiert haben, ein Genre, das gemeinhin "coffee-table book" heißt und in dem mehr geblättert als gelesen wird. Und dann gibt es Verlage, die sich auf die Veröffentlichung kluger Texte zu Bildern spezialisiert haben und die ...

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          Es gibt Verlage, die sich auf großformatige, schön bebilderte Bücher spezialisiert haben, ein Genre, das gemeinhin "coffee-table book" heißt und in dem mehr geblättert als gelesen wird. Und dann gibt es Verlage, die sich auf die Veröffentlichung kluger Texte zu Bildern spezialisiert haben und die häufig leider nur recht grauenhafte Abbildungen dazu zeigen, mehr Kartoffeldruck als alles andere. Aber ab und an gibt es auch Ausnahmen, Glücksfälle, in denen Autor und Verlag alles darangesetzt haben, dass beides einander nicht ausschließt, dass Text und Abbildungen von hoher Qualität sind. Eben ein solcher Wurf ist dem Berliner Akademie Verlag mit der Veröffentlichung von Bettina Gockels "Die Pathologisierung des Künstlers. Künstlerlegenden der Moderne" gelungen. Das Buch ist eine Augenweide, aber nur darin zu blättern wäre viel zu schade.

          Worum geht es? Was gibt es zu sehen? Gezeigt werden Künstlerselbstbildnisse, wobei sich Bettina Gockel, die an der Universität Zürich Kunstgeschichte lehrt, auf die Fälle Vincent van Gogh, Ernst Ludwig Kirchner und Paul Klee konzentriert und überraschende Bildzusammenhänge nachweisen kann. Paul Klees aquarellierte Lithographie aus dem Jahr 1919 etwa, in der sich der Künstler wie von der Außenwelt abgeriegelt mit fest verschlossenen Augen und Lippen darstellt (unsere Abbildung rechts), führt sie motivisch auf die Titelvignette von Carl Einsteins berühmter Monographie "Negerplastik" (oben rechts) von 1915 zurück - eine afrikanische Maske. Parallelen zieht Gockel auch zwischen van Gogh und Kirchner: Van Goghs Gemälde "Der Dichter Eugène Boch" (oben mittig) von 1888 diente Kirchner als Vorlage für den Farbholzschnitt "Frau in der Nacht" (unten links), der Gockel zufolge Hertha Binswanger zeigt, die Gattin des ihn behandelnden Schweizer Psychiaters. Binswanger erprobte seine Theorien über Kunst und Pathologie an seinem Patienten Kirchner, während Kirchner Binswangers Diagnose in seiner Selbstdarstellung verarbeitete.

          Nun könnte man meinen, zu Rollenbildern und Selbstdarstellungen von Künstlern sei eigentlich schon alles gesagt. Das Buch von Ernst Kris und Otto Kurz "Die Legende vom Künstler" trug bereits 1934 die wirkmächtigsten Mythen und Anekdoten zusammen. In der neueren Kunstgeschichte widmete sich Oskar Bätschmann dem Thema und prägte den Begriff des "Ausstellungskünstlers". Soziologen wie Pierre Bourdieu haben das Phänomen aus gesellschaftlicher Perspektive betrachtet und die Frage gestellt, welche Funktion die Erwartungen erfüllen, die an Kunst und Künstler herangetragen werden. Die Einsicht also, dass sich Künstler stilisieren und stilisiert werden, Rollen einnehmen oder zugewiesen bekommen, sich vermarkten oder vermarktet werden, ist geradezu eine Volksweisheit. In der zeitgenössischen Kunst haben sich regelrechte Produktionszweige herausgebildet, die Künstlerbilder kommentieren oder ironisieren. Dass Paul Klee nicht der abgeschiedene Eremit war, als den er sich gerne ausgab, hat die Forschung zur Kenntnis genommen. Und als das Städel Museum 2010 das Spätwerk von Ernst Ludwig Kirchner ausstellte, nahmen die Selbstdarstellungsexzesse des Künstlers, der sich unter Pseudonym sogar lobende Kritiken schrieb, breiten Raum ein.

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