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: Ihre Königliche Hoheit war barfuß

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Paul Gauguin hat unser Bild von den Inseln der Südsee geprägt wie kein anderer Künstler. Glaubt man seinen Bildern, lebten dort schöne Menschen mit bronzefarbener Haut ihr einfaches, zufriedenes Dasein ganz eins mit der farbschillernden tropischen Natur. Gegen dies Idealbild nützte nicht einmal das Wissen, ...

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          Paul Gauguin hat unser Bild von den Inseln der Südsee geprägt wie kein anderer Künstler. Glaubt man seinen Bildern, lebten dort schöne Menschen mit bronzefarbener Haut ihr einfaches, zufriedenes Dasein ganz eins mit der farbschillernden tropischen Natur. Gegen dies Idealbild nützte nicht einmal das Wissen, dass der französische Maler keineswegs das Paradies vorgefunden hatte, das er sich in Tahiti erhoffte. Tief enttäuscht schrieb er aus Papeete nach Paris: ". . . die Zivilisation hatte gesiegt - mit ihren Soldaten, ihren Händlern, ihrem Beamtentum"· In abgelegeneren Gegenden trifft er dann doch noch auf Restidylle beim einfachen "Naturvolk". In dessen Mitte sieht er zwar, was die Kolonialisierung auch hier anrichtete, auch entkommt er weder Geldsorgen noch Krankheit, aber er darf sich als "Wilder" zurück in der Natur fühlen. So auch, als er später, bei seinem dritten Besuch in Ozeanien, auf Hiva Oa, einer Insel des Marquesa-Archipels, lebt, dessen "Bewohner noch kaum über die Stufe der Menschenfresser hinausgelangt" seien, und wo er ein OEuvre vollendet, ohne das die neuere Kunstgeschichte kaum denkbar ist.

          Doch hat Gauguin während seiner Aufenthalte zwischen den Jahren 1891 und 1903 die Darstellung vom Paradies bestenfalls vollendet oder eben ausgeschmückt. Erfunden wurde es schon früher - das legt auch ein neues Buch mit vielen bislang unveröffentlichten Fotografien von Paul-Émile Miot (1827 bis 1900) nahe. Als der französische Marinekommandant 1869 Befehl erhielt, in den Südpazifik zu segeln, nahm er seine Fotoausrüstung mit an Bord. Seit 1857, als er Bilder aus Neufundland mitgebracht hatte, war die immer dabei, wenn er in See stach. Jetzt nähert sich Stabschef Miot auf der Fregatte "L'Astrée" Tahiti.

          Seine Panorama-Ansicht von Papeete zeigt die festen Häuser dieses europäischen Stützpunkts, der Gauguin später so enttäuschen sollte, und stattliche weiße Kolonialvillen, hinter denen fast unmittelbar hohe Berge aufragen. Hierhin, unter die imposanten Zacken des "Diadems", begibt sich Miot, findet dichtbewaldete Täler und die Hütten Eingeborener. Das Buch kombiniert Miots Aufnahmen mit gleichfalls unveröffentlichten Aquarellen und Zeichnungen von Reisenden, die etwa zwanzig Jahre vor ihm und noch ohne Kamera in Polynesien unterwegs waren und hingerissenen Auges grüne Buchten und fremdartig archaische Dörfer romantisieren. Akribisch zeichneten sie die abstrakten Tatoos ab, die in rasanten Asymmetrien den ganzen Körper der Insulaner überzogen. Später untersagte deren Fürst solchen Hautschmuck, und als Miot die tahitische Königin Pomaré IV. und ihre Verwandtschaft porträtiert, tragen sie unförmige dunkle Kleider, die man sich wohl als Mitbringsel prüder Kirchenmänner vorstellen darf. Herman Melville, einer der prominentesten Beschreiber der Südsee neben James Cook und Robert L. Stevenson, griff Miots Porträtfoto vor, als er 1847 in der Novelle "Omoo" eine Begegnung mit Königin Pomaré schildert: "Ihre Königliche Hoheit war barfuß", schreibt er, nennt sie "matronenhaft und nicht sehr hübsch". Der Autor von "Moby-Dick" hatte tiefe Einblicke gewonnen in diese fremde Welt. Als Matrose auf einem Walfänger kam er 1841 in den Südpazifik. Während eines Aufenthalts auf der Marquesas-Insel Nuku-Hiva floh er von Bord des verhassten Schiffes und lebte eine Zeitlang unter Eingeborenen, was ihm reichlich Stoff für seine Erzählungen lieferte.

          Der fotografierende Marinemann Miot erreicht dann 1870 die nordöstlich von Tahiti gelegenen Marquesas. Hier, wo unterhalb des Lendenschurzes noch die Tatoos sichtbar sind und nur wenige Bauten die traumhaften Buchten stören, wirkt die Zivilisation noch ferner. Eine kleine Ausstellung mit Südsee-Fotografien von Paul-Émile Miot im Pariser Musée d'Orsay im Jahr 1989 nannte seine Bilder "die ersten fotografischen Darstellungen dieser fernen Länder, wo unter dem Deckmantel des Exotismus alles verführerisch war".

          Gauguin, der sich die tropischen Eilande als Paradies zurechtmalte und damit half, auch der Welt diesen Ruf zu vermitteln, begegnet uns am Schluss des Buches in einer aufregenden Entdeckung: dem bislang einzigen Foto des Malers in der Südsee. Es zeigt ihn blütenbekränzt eine blutjunge Frau küssen, eine zweite hält er im anderen Arm - auch das wohl bedeutete ihm das Paradies.

          "The Invention of Paradise 1845-1870, Tahiti and the Marquesas, Photographs by Paul-Émile Miot". Text von Sydney Picasso, in englischer und französischer Sprache. Hrsg. Daniel Blau, München 2008. 161 Seiten, 109 Abbildungen, gebunden, 36 Euro.

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