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: Ich bin eine sinnlose Explosion von Farbe

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Dandys gehen mit ihrer Schildkröte am Seidenhalsband über die Boulevards, sie tragen Kniebundhosen und Sonnenblumen im Knopfloch. Zylinder und Gehröcke. So viel 19. Jahrhundert ist im Kleiderschrank der Gegenwart nicht eben üblich. Thomas Gottschalk würde so was anziehen. Oder Helge Schneider. Oder eben Sebastian Horsley.

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          Dandys gehen mit ihrer Schildkröte am Seidenhalsband über die Boulevards, sie tragen Kniebundhosen und Sonnenblumen im Knopfloch. Zylinder und Gehröcke. So viel 19. Jahrhundert ist im Kleiderschrank der Gegenwart nicht eben üblich. Thomas Gottschalk würde so was anziehen. Oder Helge Schneider. Oder eben Sebastian Horsley. "Ein Mann, der kein Talent hat, muss einen Schneider haben", sagt der 46-jährige Brite und bemisst die eigene Bedeutung mit der Länge seiner Manschettenumschläge (13 Zentimeter) und dem Umfang seines Kragens ("weit genug, um fliegen zu können"). Horsleys Lieblingswort ist Stil: "Stil ist, wenn sie dich aus der Stadt jagen und du lässt es so aussehen, als würdest du allen vorangehen." Wie begegnet man einem Dandy? Noch dazu einem, der Turnschuhe und Jeans als "unentschuldbar" bezeichnet? Kurz vor einem Interview mit Horsley erscheint diese Frage plötzlich ganz wichtig - aber das Gute an den amoklaufenden Aphorismen von Horsley ist, dass sie sich widersprechen: Schließlich ist "Stil nicht Eleganz, sondern Konsequenz". Also doch in Turnschuhen zum Interview in einem Senioren-Café.

          Zwischen Rentnern in karierten Kurzarmhemden ist Horsley leicht erkennbar, er trägt einen monströsen Zylinder, der erst gut einen halben Meter über seinem Kopf endet. Ganz in Schwarz gekleidet, könnte Horsley auch als Totengräber durchgehen. Die Rentner im Café ficht das nicht an - sie beachten Kaffee und Kuchen weit mehr als den schlaksigen Dracula in ihrer Mitte. Kein Skandal, kein Getuschel - trotz Zylinder. Das Gespräch mit Sebastian Horsley beginnt etwa so: "Hallo, Herr Horsley - schön Sie zu sehen, ich hatte schon befürchtet, Sie seien mittlerweile gestorben." - "Oh, Verzeihung, aber da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich sterbe einfach nicht, ich überlebe alles." Fast ein wenig beleidigt sagt er das und weist, ohne sich umzudrehen, mit dem rotlackierten Fingernagel auf die Fassade hinter sich: "Wenn ich aus diesem Fenster springen würde - ich bin mir sicher, mir würden auf halbem Weg nach unten Flügel wachsen." Sebastian Horsley ist robust. Eine schwere Kindheit, Crack, Heroin, abseitigste Sexpraktiken und eine schlechte Presse haben ihn relativ unberührt gelassen. Geblieben ist das Gesamtkunstwerk Horsley - er erinnert an den in Formaldehyd eingelegten Hai von Damien Hirst: irgendwie lebendig, irgendwie tot, irgendwie amüsant und dazu verdammt, immer die gleiche Pose einzunehmen. Horsley steht dazu: "Ich mag Wiederholungen. Ich mag Wiederholungen. Ich mag Wiederholungen", sagt er.

          "Sie haben sich 2000 auf den Philippinen kreuzigen lassen. Warum eigentlich?" - "Um zu beweisen, dass ein Tag nicht wie der nächste sein wird." Das Kreuzigen ist auf den Philippinen ein Osterbrauch, mit dem sich die Einheimischen von ihren Sünden reinigen wollen. Horsley weiß nicht so recht, warum er sich mit zehn Zentimeter langen Nägeln an ein Kreuz schlagen ließ - es muss wohl Kunst gewesen sein. Schade nur, dass die Narben gut verheilt sind. "Man sieht fast nichts", sagt er und fährt sich über eine kleine Stelle auf dem Handrücken, wo die Haut ein wenig blasser ist. Wirkliche Stigmata sehen anders aus. Aber: Horsley hat die Kreuzigung filmen lassen - das Video steht auf Youtube.

          Gespräche mit ihm schnurren in einem angenehmen Zuspiel von Pointen ab. "Mein allergrößter Horror wäre es, verstanden zu werden", sagt er. Und: "Ein Dandy tut nichts, er ist etwas." Man wähnt sich auf einem endlosen Nachmittagstee bei Oscar Wilde, die Weltanschauung des Fin de Siècle gibt es inklusive: "Es ist alles so ööööde heutzutage. Wir bräuchten mal wieder einen Krieg."

          C-Prominenz, hat ihn der "Guardian" genannt. Er selbst nennt sich Dandy. Er bezeichnet sich auch als "die sinnlose Explosion von Farbe in einer sinnlosen und farblosen Welt". Er trägt Mascara um die Augen. Dort, wo bei anderen Menschen die Haare beginnen, trägt Horsley diesen monströsen Zylinder, der beim Reden im Takt der Kalenderweisheiten mitwippt: "Fernsehen ist nicht dafür da, um gesehen zu werden, sondern um darin aufzutreten. Bücher sind nicht dafür da, gelesen, sondern geschrieben zu werden." Ach ja, Horsley hat ein Buch geschrieben. Es handelt von Sebastian Horsley und heißt "Dandy in der Unterwelt". "Wenn man das Wort ,ich' daraus streicht, würde der Inhalt auf einen Zettel passen", sagt er. Das ist untertrieben, sein Buch ist 460 Seiten lang und erzählt davon, wie er vor 46 Jahren als Sohn des Millionärs und Alkoholikers Nicholas Horsley auf die Welt kam, weil seiner Mutter die Abtreibung misslang. Und es endet mit der Erkenntnis, dass Sex mit Prostituierten interessanter ist. Im Rest des Buches reihen sich Drogeneinnahme und Drogenentzug ebenso aneinander wie die Wortspiele. Exzess kann so langweilig sein.

          Vor anderthalb Jahren erschien "Dandy in der Unterwelt" auf Englisch, und als Horsley eine Lesetour in die Vereinigten Staaten machen wollte, wurde ihm auf dem Flughafen von Newark die Einreise verweigert, wegen "moralischer Verkommenheit". Ein Lottogewinn. Sebastian Horsley endlich auf Augenhöhe mit Amy Winehouse und dem weißrussischen Diktator Lukaschenka. "Das war der größte PR-Trick, den ich überhaupt bekommen konnte", sagt er. Aufmerksamkeit ist die Währung des Dandys - das wussten auch schon Horsleys Vorgänger Lord Byron und Oscar Wilde. Nur hatten die es mit ihren Skandalen entschieden einfacher: Inzestuöse Affären und Homosexualität waren im England des 19. Jahrhunderts eben noch wirkliche Vergehen. Heute, wo das britische Parlament sich in einer Orgie aus Pornofilmen und Steuerhinterziehung selbst demontiert, wirkt Horsleys Bemühen, exzentrisch zu sein, auf fast schon tragische Art und Weise anachronistisch. Anachronistisch. Anachronistisch.

          DANIEL STENDER

          Sebastian Horsley: "Dandy in der Unterwelt". Aus dem Englischen von Andreas Hofbauer. Blumenbar, 460 Seiten, 19,90 Euro

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