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: Hysterisch zersplittert das Glas

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Eine beliebte Frage in kunstgeschichtlichen Proseminaren ist die, ob beispielsweise die Aborigines Australiens oder die Ureinwohner Neuguineas vom Parthenon so ergriffen wären wie wir. Gibt es eine überkulturelle menschliche Konstante, die uns bauliche Schönheit überall erkennen lässt? Meist einigen ...

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          Eine beliebte Frage in kunstgeschichtlichen Proseminaren ist die, ob beispielsweise die Aborigines Australiens oder die Ureinwohner Neuguineas vom Parthenon so ergriffen wären wie wir. Gibt es eine überkulturelle menschliche Konstante, die uns bauliche Schönheit überall erkennen lässt? Meist einigen sich die Seminaristen auf den Begriff des kulturellen Codes, der zumindest Angehörige höherer Zivilisationen ästhetisch urteilsfähig mache.

          Doch was ist mit jenen spanischen Eroberern Mexikos, die aus einem Land kamen, in dem die (Bau-)Kunst der Renaissance blühte und die doch ohne Zögern die Paläste und Tempel Tenochtitlans schleiften? Ihr kultureller Code hinderte jene Conquistadoren nicht, die schneeweiß leuchtenden Stufenpyramiden als Werke primitiver Wilder zu verachten. Man schätzt nur, was man will: Unter diesem Dilemma leidet auch die Baukunst, seit es sie gibt, und mit ihr die Architekturkritik: Als junger Mann schwärmte Goethe vom Straßburger Münster und dessen ekstatisch flammender Gotik als Gipfel "teutscher Baukunst"; der reife Weimarer Minister setzte sich bedingungslos für die maßvolle Kühle des Klassizismus ein.

          Der Dichter ist einer der Kronzeugen, die Alain de Botton zitiert, um das Phänomen Architektur und seine Auswirkungen auf den Menschen zu erhellen. "Wie genau sieht eigentlich ein schönes Gebäude aus?", fragt er und führt dann durch eine Bauwelt der widersprüchlichsten Stile und Formen, deren jede sich als non plus ultra definierte.

          Zum Beispiel der zwanghaft dekorlose Funktionalismus Le Corbusiers. Auch an Baukunst Uninteressierte kennen seine 1929 erbaute Villa Savoye als zaubriges, auf grazilen Stützen schwebendes weißes Gebilde des Weltkulturerbes. "Es regnet in den Flur, es regnet auf die Treppe", lesen wir bei de Botton. "Bei schlechtem Wetter ist (mein Bad) geradezu überschwemmt, da das Wasser selbst durch das Oberlicht hereinströmt. Sie werden sich endlich damit abfinden müssen, dass dieses Haus einfach unbewohnbar ist." All das schreibt Madame Savoye, die fassungslose Bauherrin, 1937 an Le Corbusier. Doch der, ungerührt vom Versagen seiner Flachdachkonstruktion, ignorierte ihre Beschwerden - und genoss den Ruhm eines Genies, der bis heute andauert.

          Gebäude sind Gestalt gewordene Wertvorstellungen: Was wir alle irgendwie wussten, beweist Alain de Botton mit oft überraschenden Beispielen. Dabei ist er Realist genug, um den menschlichen Wankelmut mit teils launigen, teils galligen Bemerkungen in seine Betrachtungen einzubeziehen: "Selbst wenn die gesamte von Menschenhand geschaffene Welt durch schonungslose Anstrengung und Selbstaufopferung so gestaltet würde, dass sie mit dem Markusplatz konkurrieren könnte, selbst wenn wir den Rest unseres Lebens in (Andrea Palladios) Villa Rotonda verbringen dürften, würden wir doch oft genug schlechter Laune sein."

          Trotz dieser lakonischen Würdigung der Menschennatur degradiert de Botton Architektur nicht zur zweitschönsten Nebensache der Welt, sondern erkennt sie an als einen entscheidenden Spiegel und unüberschätzbares Stimulans unseres Lebens, unserer Befindlichkeit, unseres Denkens und Tuns. Deshalb kommt er angesichts der zeitgenössischen, notorisch originalitätssüchtigen Baukunst zu der befreienden Formel: "Architekten sollten das Selbstvertrauen und die Güte besitzen, ein wenig langweilig zu sein."

          In welchem Stile sollen wir bauen?" Natürlich zitiert de Botton auch die legendäre Frage des Architekten Heinrich Hübsch von 1837, und selbstverständlich stellt er sich ihr auch. Doch dabei verfällt er ebenjener Subjektivität, die er in anderen Passagen so amüsant wie akribisch demaskiert: "Die Spitzbögen der gotischen Kathedrale von Bayeux vermitteln Inbrunst und Intensität, während ihre rundlichen (Renaissance-)Pendants im Herzogspalast von Urbino Heiterkeit und Gelassenheit ausstrahlen", schreibt er in einem Bildvergleich. Warum? Was, wenn man die urbinischen Bögen als den Inbegriff autoritärer Zucht und Langeweile beschriebe und die gotischen Dienstbündel als kleinliches Getändel einer überfeinerten Adelsclique, die sich im spätmittelalterlichen Mystizismus verirrt hat?

          Alain de Botton, ein glänzender Essayist, ist sich selbst auf den Leim gegangen. Auf den Spuren des hinreißenden Romantikers John Ruskin, dessen Liebe zu Venedig samt architektonischem Wertekanon folgend, suggeriert er eine allgemeinverbindliche Schönheit von Bauwerken und Stilen, aber beweist sie nicht.

          Wie gut es sich liest, wenn de Botton schreibt: "Holz und Stein, heute auch Beton und Holz, altern langsam und in Würde. Sie zersplittern nicht hysterisch wie Glas, zerreißen nicht wie Papier, sondern verbreiten beim Verfärben einen höchst melancholischen, noblen Eindruck. Die rostigen fleckigen Mauern des Wochenendhauses bieten so einen überaus kunstgerechten Anlass, Gedanken über den Verfall und die eigene Sterblichkeit nachzuhängen." Doch was tun mit dieser verführerischen Einladung zur Elegie, wenn man vor den verrottenden Riesenkästen des Betonbrutalismus steht oder vor Sichtbetonfronten des Dekonstruktivismus, die vor fünf Jahren wie seidenglatte Fragmente eines stürzenden Architekturballetts wirkten - und heute wie verrottete Späne eines Zyklopen, dem der Boschhammer ausgerutscht ist?

          Was treibt einem beim klassizistischen Halbrund des Royal Crescent in Bath oder bei Palladios Villa Rotonda Tränen in die Augen? Ist das überhaupt so? Oder reden wir uns diese Ergriffenheit nur ein, wie sich die Conquistadoren einst einredeten, die Bauten der Azteken seien belangloser Plunder? Gültige Antworten weiß auch Alain de Botton nicht. Aber er macht klar, wie wenig wir von dem wissen, was uns prägend umgibt.

          Alain de Botton: "Glück und Architektur". Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 287 S., Abb., geb., 22,90 [Euro].

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