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: Höllenlehre für die deutsche Sprache

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Am 18. Oktober 1948 entlieh im niedersächsischen Cordingen eine junge Frau von ihrer Nachbarin Dantes "Göttliche Komödie". Gelesen aber hat sie das Buch nicht; sie gab es an ihren Mann weiter, einen damals noch unbekannten Schriftsteller, der die nächsten beiden Tage mit der Lektüre zubrachte. Dann schrieb er einen Brief an Dante, den er abends seiner Frau vorlas.

          Am 18. Oktober 1948 entlieh im niedersächsischen Cordingen eine junge Frau von ihrer Nachbarin Dantes "Göttliche Komödie". Gelesen aber hat sie das Buch nicht; sie gab es an ihren Mann weiter, einen damals noch unbekannten Schriftsteller, der die nächsten beiden Tage mit der Lektüre zubrachte. Dann schrieb er einen Brief an Dante, den er abends seiner Frau vorlas. Sie notierte darüber im Tagebuch: "Bei den Erwähnungen d. einzelnen furchtbaren Martern in Dante's Inferno hält er sich die Blätter dicht vors Gesicht. Ich sehe aber doch, daß er weint. Muß dieser Dante ein Reptil gewesen sein!"

          Muss dieser Dante ein Genie gewesen sein, dass sein "Inferno" noch mehr als sechshundert Jahre nach der Entstehung so schockieren konnte! Die Frau aus Cordingen war Alice Schmidt, die Gattin von Arno Schmidt, dessen Brief an Dante Teil einer Publikation namens "Wundertüte" werden sollte, die aber vom Rowohlt Verlag abgelehnt wurde und dann erst postum 1989 erschien. Schmidt hatte im Zweiten Weltkrieg, mehr aber noch angesichts der späteren Aufdeckung der deutschen Verbrechen traumatische Erfahrungen gemacht, und in Dantes Buch sah er alle Verbrechen der Neuzeit vorweggedacht. Deshalb adressierte er sein fiktives Schreiben an "Herrn Dante Alighieri, Reichssicherheitshauptamt" und nannte darin den ersten Teil der "Göttlichen Komödie" ein "Handbuch für KZ-Gestaltung".

          Welche Übersetzung Alice Schmidt damals entliehen hatte, ist unbekannt; es dürfte sich aber wohl um die von Karl Bartsch gehandelt haben, die 1877 erschienen und für fast ein Dreivierteljahrhundert die maßgebliche im deutschen Sprachraum geblieben war. 1949 erschien dann der erste Band der Neuübertragung von Hermann Gmelin, die einen umfangreichen Kommentar bot und acht Jahre später abgeschlossen wurde. Gmelin verzichtete im Gegensatz zu Bartsch auf die Beibehaltung des Reimschemas, das Dante für seine insgesamt 14 233 Verse in den drei Büchern "Inferno", "Purgatorio" und "Paradiso" gewählt hatte, behielt aber das rhythmische Prinzip der jeweils elf Silben pro Vers bei. Seine Zeitgenossen Georg Peter Landmann und Walter Naumann schlugen dagegen den Weg einer reinen Prosa-Fassung ein, stießen damit jedoch auf so große Skepsis bei den Verlagen, dass ihre Übersetzungen jeweils erst postum erscheinen konnten, 1997 und 2003.

          Damit indes war das Eis gebrochen, und jetzt kommt eine weitere Prosa-Übersetzung der "Göttlichen Komödie", die zunächst einmal den unbestreitbaren Vorzug besitzt, dass ihr Autor das Erscheinen erlebt. Der siebzigjährige Hartmut Köhler lehrte Romanistik in Trier, und die Übertragung von Dantes "Commedia" ist sein Opus Magnum, für das im Ruhestand endlich die nötige Zeit blieb. Der erste Band "Inferno/Hölle" ist nun da, und parallel dazu ist Bartschs klassische Übersetzung wieder ediert und die Naumann-Übersetzung in neuer Ausstattung aufgelegt worden. So haben wir das ungewöhnliche Vergnügen, in diesem Jahr gleich drei aktuell publizierte "Göttliche Komödien" miteinander vergleichen zu können.

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