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: Hier lacht die Macht

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Die Macht sitzt auf einem weißen Designersessel oder zeigt, daß sie ein Telefon hat, schreiben und lesen kann, sie ist behängt mit Orden, trägt mal eine Ray-Ban-Brille, mal Krawatte beziehungsweise Federschmuck, lächelt wie nach dem Gewinn eines Schönheitswettbewerbs oder posiert erhaben, als wäre ...

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          Die Macht sitzt auf einem weißen Designersessel oder zeigt, daß sie ein Telefon hat, schreiben und lesen kann, sie ist behängt mit Orden, trägt mal eine Ray-Ban-Brille, mal Krawatte beziehungsweise Federschmuck, lächelt wie nach dem Gewinn eines Schönheitswettbewerbs oder posiert erhaben, als wäre die Monarchie gerade erst erfunden worden.

          Wenn Macht in einem nationalen Oberhaupt verkörpert wird, dessen Foto wiederum seine Macht darstellen soll, dann kann das abstruse Formen annehmen. Aber auch wenn der Mächtige seine Macht, die an sich ja schon beliebig ist, weder Substanz noch Dauer hat, nicht zeigt, wenn er nur Mensch sein will, kann das komisch aussehen. Wenn man jedenfalls das kürzlich erschienene Buch "Official Portraits" durchblättert, bekommt man einen Eindruck von aktuellen Staatsoberhäuptern, der doch die Frage nahelegt: Was ist das denn für ein Haufen schräger Vögel?

          Der in London ansäßige Herausgeber von Fotobüchern, Klaus Zwangsleitner, hatte die Idee, in einem Fotoband die aktuellen Porträts der Staatsoberhäupter der 191 UN-Mitgliedsstaaten zu zeigen. Das Ergebnis war vollkommen ungewiß. Denn wer weiß, wie das offizielle Bild von Gerhard Schröder oder George W. Bush aussieht? Welches Foto würde aus Sierra Leone, Haiti, Costa Rica oder Kongo kommen? In einem Fax schrieb er die Botschaften oder Pressestellen der Regierungen an mit der Bitte um das "official portrait of your head of state in executive power", und wer nun das jeweilige Staatsoberhaupt sei, überließ man dabei den angefragten Stellen.

          Und so unterschiedlich wie die 191 Staaten waren dann auch die Reaktionen. Burma und Deutschland reagierten sofort. Die meisten Länder schickten nach einigem Nachfragen das Bild ihres Chefs in einer Mail. Manche sandten aber auch Poster ein, die man von der Wand in einem Regierungssitz abgenommen hatte, oder schlugen vor, man könnte einen Fotografen kommen lassen, der das Bild, das nicht elektronisch vorhanden sei, vor Ort ablichte.

          Manchmal gab es auch Verwirrung darüber, wer nun das Staatsoberhaupt ist. Aus einem arabischen Land kam die Aufforderung, man solle Titel und Namen richtig schreiben, sonst würden die Zuständigen, die das offizielle Porträt geschickt hatten, geköpft. Oft war man besorgt, was denn über das Land berichtet werde, und froh, daß es nur um das Bild ihres Staatsoberhauptes ging.

          Die Bilder wurden jeweils einseitig in alphabetischer Reihenfolge der Länder gedruckt und mit Namen und Titel versehen. So entstand ein lakonisches Fotoalbum der Machthaber. Man könnte ja beispielsweise denken, wer über die Bilder verfüge, habe die Macht, was die Geschichte oft genug zeigte in gottähnlichen Herrscherbildern, die in ihrer Allgegenwart die Macht erst recht zu legitimieren schienen.

          Das Bild als Stellvertreter der Herrschaft. Doch hier dreht es sich um. Die über hundert Fotos entschlüsseln die Macht in ihrer fast wahllos wirkenden Vielfalt und geben ihr etwas Banales und Bizarres. In der Wiederholung des blauen Hintergrundhimmels, der Zuversicht zeigen soll, den Posen und Blicken, die souverän wirken möchten, entsteht ein eigenartiger Witz.

          Der Betrachter sucht nach den versteckten Codes hinter der Inszenierung. Was bedeutet es beispielsweise, daß die Flagge hinter Wladimir Putin, dem die Kamera einen warmherzigen Blick verleiht, schief wie eine Guillotine hängt? Warum sieht man in Slowenien im Hintergrund moderne Kunst, in Estland aber einen altertümlichen Bücherschrank?

          Man kann auch nach den nationalen Stereotypen suchen, und die Porträts verwandeln sich unweigerlich in Herrn Gambia oder Frau Finnland, als könnte ein Mensch tatsächlich das Abbild seines Landes werden. Natürlich steht Prinz Rainier III. mit weißem Einstecktuch und einer Haltung, als wäre er aus der Gegenwart ausgeschnitten, vor einem Monaco, das verschwommen wie ein Postkartenmotiv aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eingeblendet ist.

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