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: Hier finden Sie Prostituierte, uneheliche Kinder und jede Menge Selbstporträts

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Doch mit fortschreitender Lektüre zeigen sich seine phantasievollen Evokationen leider immer deutlicher als das, was sie wirklich sind: eine Masche, aus Nichts Geschichte zu machen, die auch vor den haltlosesten Spekulationen nicht zurückschreckt. Ganz vernarrt ist Nicholl in die Vorstellung, Leonardo habe pausenlos Selbstporträts in seine Zeichnungen und Gemälde integriert. Er entfaltet einen wahrhaft detektivischen Eifer, diese Selbstbildnisse für den Leser aufzuspüren, so dass ihm selbst Verrocchios Bronzedavid ein Bildnis des jungen Leonardo scheint, da dieser "möglicherweise" Modell hierfür stand. Jede halbwegs männliche Figur gerät bei Nicholl unter Selbstporträtverdacht, selbst der berühmte Vitruv-Mann wird nicht verschont.

Generell sind die rhetorischen Strategien, die Nicholl anwendet, um seine Phantasien in die Realität zu zwingen, fast perfide zu nennen. Tönerne Füße sind von hoher Stabilität im Vergleich zum spekulativen Treibsand solcher "Argumentationen", die mit Floskeln wie "Ich stelle mir vor" garniert werden. So entwickelt sich beispielsweise aus einer schlichten privatistischen erotischen Wunschvorstellung des Autors ein wirklich stattgefunden habender "herbstlicher coup de foudre" Leonardos, wenn Nicholl schreibt: "Der Biograph hat die Pflicht, eher skeptisch als romantisch zu sein, aber ich habe keine Schwierigkeiten mit dem Gedanken, dass Leonardo im Alter von etwa siebenundfünfzig Jahren ein wie auch immer geartetes Verhältnis mit einer schönen, jungen Prostituierten hatte, deren heitere Züge und üppige Formen ihm als Modell für die Leda und vielleicht auch für das verlorengegangene Original der ,Nackten Joconda' diente."

Was den Leser darüber hinaus verärgert, ist Nicholls unheilvoller Hang zur Laienpsychologie, die sich Leonardos Kindheit in deren "kompliziertem emotionalen Bezugssystem" annimmt. Selbstverständlich nimmt die berühmte Milan-Episode als hochaufgeladene Kindheitserinnerung eine zentrale Stelle in der Jugendgeschichte Leonardos ein. Er hatte im Kontext von Überlegungen zum Vogelflug notiert: "In der frühesten Erinnerung an meine Kindheit war mir immer so, als sei zu der Zeit, da ich noch in der Wiege lag, ein Weih zu mir gekommen und habe mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und mich dann mehrere Male mit dem Schwanz auf die Lippen geschlagen."

Der Freudsche Leonardo-Text, der sich der Exegese dieser Stelle gewidmet hat, zählt nicht zu seinen erleuchtetsten (zumal er den Milan für einen Geier hielt), wird hier noch an Absurdität überboten in der Entfaltung einer Freizeittiefenpsychologie, die dem Leser die Haare zu Berge stellt. Nicholl spürt Reminiszenzen dieser Kindheitserinnerung noch in Leonardos Verkündigung auf, in deren Hintergrund ein brustförmiger Hügel neben dem vogelhaften Engelsflügel zu sehen sei und damit die ganze Komplexität der Erinnerung eines unehelichen "Kindes der Liebe" an die Mutterbrust noch einmal aufbrechen lasse. Für solche Einblicke lohnt es sich wahrlich nicht, die Suppe kalt werden zu lassen.

CHRISTINE TAUBER

Charles Nicholl: "Leonardo da Vinci". Die Biographie. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 752 S., geb., Abb., 29,90 [Euro].

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