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: Großes Theater von Sein und Schein

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Zum 18. Juli 2010, dem vierhundertsten Todestag von Caravaggio, ist ein Publikationsschub in der deutschsprachigen kunstwissenschaftlichen Forschung zu erwarten. So stehen beispielsweise Bücher von Rudolf Preimesberger und Klaus Krüger aus. Doch schon im Vorgriff auf das Jubiläum wurde Neues publiziert: nicht nur das Buch von Sybille Ebert-Schifferer bei Beck (F.A.Z.

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          Zum 18. Juli 2010, dem vierhundertsten Todestag von Caravaggio, ist ein Publikationsschub in der deutschsprachigen kunstwissenschaftlichen Forschung zu erwarten. So stehen beispielsweise Bücher von Rudolf Preimesberger und Klaus Krüger aus. Doch schon im Vorgriff auf das Jubiläum wurde Neues publiziert: nicht nur das Buch von Sybille Ebert-Schifferer bei Beck (F.A.Z. vom 12. Oktober 2009), sondern auch die gewichtige Habilitationsschrift von Valeska von Rosen im Akademie-Verlag über "Caravaggio und die Grenzen der Darstellbarkeit".

          Viele Figuren in Caravaggio-Bildern sind offensiv als lebende Modelle gekennzeichnet: Ihre Gesichter und Hände sind sonnengebräunt und treten damit in starken Kontrast zu dem bleichen Inkarnat an sonst bedeckten Körperteilen. In der direkten und unvermittelten Ansprache des Betrachters erzielen diese Close-up-Rollenträger ihre theatralische Wirkung. Zugleich gelingt es Caravaggio mit diesem Kunstgriff, eine fast dramatisch zu nennende Ebene der Zeitlichkeit ins Bild zu setzen, die das Momenthafte und Stillgestellte vieler seiner Gemälde zu konterkarieren scheint. Ganz großes Theater also: Valeska von Rosen kann diesen Aspekt überzeugend an die zeitgenössische Theaterpraxis, Bühnenbeleuchtung und Aufführung "lebender Bilder" zurückbinden. Sie bietet vergleichend ganze Engelsgeschwader auf, die aussehen, als würden sie von einer Wolkenmaschine ins Geschehen herabgelassen, wie sie Nicola Sabbatini 1638 in seinem Traktat "Prattica di fabbricar scene e macchine" entworfen hatte. Damit aber ist die Wirkabsicht der Maler klar bezeichnet: Sie wollen in ein intellektuell hoch aufgeladenes Spiel mit dem Betrachter eintreten, um die Rolle der Malerei in einem "normativen ästhetischen Wertesystem" mit malerischen Mitteln zu diskutieren.

          Ein schlagendes Argument in dieser Auseinandersetzung um Bildwürdiges und Normsprengendes ist die offensiv ins Bild gesetzte Mehrdeutigkeit, die als inszenierte Diskrepanz zwischen Schein und Sein für den gebildeten Betrachter sichtbar wird. Die sinnliche Ausgangsevidenz für die Untersuchung dieser Ambiguität von Caravaggios Bildern ist für von Rosen deren augenfälliges Irritationspotential und ihre unkonventionelle Betrachteransprache; ihre ikonographischen wie gestischen und räumlichen Unklarheiten; ihre Überschreitung von Gattungsgrenzen auch nach "unten" (zum Beispiel zum Genrehaften) hin; ihre forcierte Expressivität; schließlich ihre vermeintlichen Unstimmigkeiten in der Körper-, Licht- und Figurenregie, die die Aufmerksamkeit des Betrachters schärfen sollen. Von Rosen deutet dies nicht als künstlerische Mängel, sondern als selbstbewusste ästhetische Strategie im Rahmen von Caravaggios höchst raffiniertem und marktorientiertem "self-fashioning". Der überschreitende Maler lote hiermit die für das Buch titelgebenden "Grenzen des Darstellbaren" aus.

          An diese These schließen sich Fragen von größter Tragweite für die italienische Bildkultur um 1600 an, die so von Rosen das Verhältnis von res und signa, von Dingen und sie bezeichnenden Zeichen neu verhandelte und diese neuen Grenzziehungen innerbildlich thematisierte: Was lässt sich in welchem Kontext und in welchem Umfeld malen und vor allem: wie? Was wurde in dieser Zeit als Verstoß gegen das Decorum empfunden? Wo verliefen die Grenzen der ästhetischen wie der kirchlich-dogmatischen Akzeptanz? Was unterscheidet die Rezeptionshaltung eines religiösen Bildes in einer Kunstsammlung von der in einem Kirchenraum? Wie groß war die Durchlässigkeit zwischen diesen beiden Präsentationsräumen, schließlich wurden mehrere von Caravaggios Gemälden, die den kirchlichen Auftraggebern unannehmbar erschienen, prompt von hochrangigen Kunstsammlern aufgekauft.

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