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: Gegen Irrsinn hilft der Wilde Westen

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Im Oktober 1918, kurz vor Ende des Weltkriegs, holte Aby Warburg seinen Revolver und drohte, seine Frau und die drei Kinder zu erschießen. Er hatte einen psychotisch-paranoiden Schub und war in seiner Zwangsvorstellung davon überzeugt, dass seine Familie von unbekannten Verfolgern entführt, verschleppt, gefoltert ...

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          Im Oktober 1918, kurz vor Ende des Weltkriegs, holte Aby Warburg seinen Revolver und drohte, seine Frau und die drei Kinder zu erschießen. Er hatte einen psychotisch-paranoiden Schub und war in seiner Zwangsvorstellung davon überzeugt, dass seine Familie von unbekannten Verfolgern entführt, verschleppt, gefoltert und getötet werden würde und nur der Selbstmord bliebe. Glücklicherweise konnte man dem Wahnsinnigen die Pistole rechtzeitig entwenden. Die Psychose hatte sich in den letzten Kriegsmonaten angekündigt. Warburgs Schüler Carl Georg Heise besuchte ihn Ende 1918 in Hamburg und fand ihn "völlig zerstört", aber noch nicht "irrsinnig" vor: "Sein Gehirn arbeitete fieberhaft und hemmungslos, alles übertreibend und dadurch verzerrend, doch war die Logik seiner allerdings sehr sprunghaften, immer wieder abreißenden Gedankengänge keineswegs unklar, sondern von einer auf die Spitze getriebenen Schärfe und Folgerichtigkeit, die sich eben deshalb als ungültig im Dunstkreis der Wirklichkeit erwies. Alles, was ihn je in schlaflosen Stunden gequält haben mochte, überwältigte ihn jetzt in apokalyptischen Visionen."

          Warburg, der als Kunsthistoriker Bahnbrechendes geleistet hatte, als Wissenschaftler und als Direktor der von ihm aufgebauten Hamburger "Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg", verbrachte die folgenden sechs Jahre in der Psychiatrie und in Sanatorien, zuerst in Hamburg, dann in Jena und seit 1921 in Kreuzlingen am Bodensee in der Schweizer Privatklinik des Psychiaters Ludwig Binswanger. Hier wurden auch der russische Tänzer Nijinskij, der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner und der Schauspieler Gustaf Gründgens behandelt. Über die Kreuzlinger Zeit Warburgs - und auch die Jahre in Jena - informiert die komplette Krankengeschichte, welche, sorgfältig ediert, jetzt im Diaphanes-Verlag erschienen ist.

          Sensationell ist die Veröffentlichung nicht nur für die Warburg-Forschung, sondern auch weil eine derart dicht überlieferte, gut dokumentierte und zeitlich lange Krankengeschichte selten ist. Hier erfährt man, wie Anfang der zwanziger Jahre in einer fortschrittlichen Reformklinik eine Psychose behandelt wurde: als man noch nicht über Medikamente verfügte, die in ein paar Wochen die Wahnvorstellungen abklingen lassen. Binswanger stellte die Diagnose: Schizophrenie, die man damals auch als Dementia praecox, frühzeitige Demenz, bezeichnete. Erst als Warburg bereits zwei Jahre in Kreuzlingen war, führte der Starpsychiater Emil Kraepelin eine weitere Diagnose durch und korrigierte das Krankheitsbild zum "manisch-depressiven Mischzustand" - eine weitaus günstigere Diagnose; denn deren Symptome sind reversibel. "Prognose entsprechend, durchaus günstig", schrieb Kraepelin in die Krankenakte, auch wenn er von einer sofortigen Entlassung abrät, "gerade weil es sich um einen akuten Fall handelt, und die Entlassung den Heilungsprozeß nur verzögert".

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