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: Gegen Irrsinn hilft der Wilde Westen

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In der Kreuzlinger Klinik treiben Warburg schlimme paranoide Phantasien um. Er leidet jahrelang unter der Zwangsvorstellung, dass seine Familie geschlachtet und ihm zum Essen vorgesetzt würde. Kartoffeln sind für ihn Eiterklumpen, sein Steak ist aus Menschenfleisch. Warburg hat heftige cholerische Ausbrüche und muss zeitweise von vier kräftigen Pflegern zur Einnahme seines Veronals gezwungen werden. Die Psychopharmakologie steckt noch in ihren Kinderschuhen. Kraepelin ordnet eine Opiumkur an, die Warburgs Befinden allerdings nur verschlimmert. Jedoch verbessert sich Warburgs Zustand mit der Zeit, und im März 1923 kann ihn der Getreue Fritz Saxl zu intensiven Arbeitssitzungen in der Psychiatrie besuchen. Im April 1923 kann Warburg dann vor Ärzten, Schwestern, Patienten und eingeladenen Freunden seinen Reisebericht vortragen. Im Mittelpunkt des Vortrages steht das Schlangenritual, dessen Zeuge er bei seinem Besuch eines dreitägigen Fests der Pueblo-Indianer wurde.

Wenngleich dieser Vortrag Warburg selbst "formlos und philologisch schlecht fundiert" zu sein schien (und er sich die Veröffentlichung verbat), entwickelte er darin eine umfassende Theorie der rituellen Symbolik. Die Schlangen repräsentierten für die Pueblo-Indianer Blitze, und die Herrschaft über die Schlangen garantierte die magische Kontrolle über das überlebenswichtige Wetter. Revolutionär an Warburgs Vortragstechnik war neben der formalen Multimedialität - er zeigte viele Lichtbilder und reprographiertes Material - jene Interdisziplinarität, die maßgebend für die heutige Kulturwissenschaft ist. Neben der in Warburgs Vortrag vertretenen These, dass sich Aufklärung immer wieder mit dem Rückfall in die Magie produktiv auseinanderzusetzen habe - dreizehn Jahre vor Horkheimer und Adorno -, lieferte er das formale Paradigma für eine kulturvergleichende Wissenschaft. Warburgs Arzt Ludwig Binswanger war zwar zufrieden mit dem Selbstheilungsprojekt, merkte aber säuerlich an, dass dem Vortrag im Ganzen - krankheitstypisch - der rote Faden fehlte. 1938, fast zehn Jahre nach Warburgs Tod, veröffentlichte Fritz Saxl eine von ihm überarbeitete englische Fassung des Vortrags, den der Wagenbach-Verlag 1988 auf Deutsch herausbrachte. Leider sind alle Ausgaben heute vergriffen.

Im August 1924 konnte Warburg in seine Hamburger Bibliothek zurückkehren; die Wahnvorstellungen waren fast vollständig abgeklungen. Mit Ludwig Binswanger, den er in seinen Wahnattacken als die "verfluchte Binswangerei" zu bezeichnen pflegte und den er stets verdächtigte, zu den "Verfolgern" zu gehören, verband ihn bis zu seinem Tod eine intensive Brieffreundschaft, die im Diaphanes-Band vollständig dokumentiert ist. 1925 schrieb Binswanger an Warburg: "Ich halte Sie jetzt keineswegs mehr für zur Normalität beurlaubt, sondern als endgültig entlassen."

Der "Selbstheilungsakt" des Vortrags ist selbst das, wovon er handelt: Heilung der immer prekären Aufklärung durch Kreativität, der Bann der dunklen Magie durch ästhetische Anschauung.

MARIUS MELLER.

Ludwig Binswanger, Aby Warburg: "Die unendliche Heilung. Aby Warburgs Krankengeschichte." Diaphanes, Zürich/Berlin 2007. 287 Seiten, 28,20 Euro

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