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: Gegen Irrsinn hilft der Wilde Westen

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Ludwig Binswanger war etwas verschnupft angesichts dieser Korrektur seiner Diagnosekünste - und doch sollte er mit seinem Vorschlag an Warburg, einen Selbstheilungsakt zu versuchen, den entscheidenden Anstoß zu dessen endgültiger Heilung geben. Im Jahr 1923 empfahl er Warburg, so etwas wie eine Autobiographie zu verfassen. Warburg machte sich an die Arbeit und diktierte der Stationsschwester ein autobiographisches Fragment, das ebenfalls im Band enthalten ist. Dann fasste er den Plan, einen Vortrag über seine Arizona-Reise von 1895 zu verfassen. Damals war er nach Santa Fé und Albuquerque aufgebrochen, um die Stammesriten der Pueblo-Indianer zu studieren. Ende des Jahrhunderts hatte die Reise zunächst keinen direkten wissenschaftlichen Ertrag gebracht. Jetzt wollte er sich mit Hilfe seines Mitarbeiters Fritz Saxl an die Ausarbeitung seiner Erlebnisse machen. Mit dem erst postum veröffentlichten Vortrag sollte er Wissenschaftsgeschichte schreiben.

Aby Warburg wurde 1866 geboren. Der Vater leitete das Hamburger Bankhaus M. M. Warburg & Co, das Aby, das älteste von sieben Kindern, einmal übernehmen sollte. Aby begehrte früh gegen das orthodox jüdische Elternhaus auf. Seine jüngeren Brüder Max, Paul und Felix wurden später Bankiers - der selbstbewusste Aby hatte anderes im Sinn. Der Bruder Max überlieferte die Anekdote, die Teil der Warburg-Legende werden sollte: "Als er dreizehn Jahre alt war, offerierte er mir sein Erstgeborenenrecht. (. . .) Er offerierte es mir aber nicht für ein Linsengericht, sondern verlangte von mir eine Zusage, dass ich ihm immer alle Bücher kaufen würde, die er brauchte. Hiermit erklärte ich mich nach sehr kurzer Überlegung einverstanden. Ich sagte mir, dass schließlich Schiller, Goethe, Lessing, vielleicht auch noch Klopstock von mir, wenn ich im Geschäft wäre, doch immer bezahlt werden könnten, und gab ihm ahnungslos, wie ich heute zugeben muss, sehr großen Blankokredit. Die Liebe zum Lesen, zum Buch war seine frühe, große Leidenschaft."

Nachdem er also sein Erstgeburtsrecht verkauft hatte, machte er, gegen den Willen der Eltern, ein altsprachliches Abitur und begann sein Studium der Kunstgeschichte und Geschichte. Obwohl Warburg später zwei Rufe auf kunsthistorische Lehrstühle erhielt, wollte er Privatgelehrter bleiben und eine "kunsthistorische Station" in Hamburg gründen. Ab 1900 betrieb er systematisch den Aufbau einer Bibliothek, der späteren "Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg". Warburg kaufte ein Haus an der Alster für seine Familie und die Bibliothek.

Warburg gilt in der Wissenschaftsgeschichte als Erfinder der Ikonologie, einer Methode, die bei der Deutung von Kunstwerken den "Zeitgeist" mit einbeziehen will und aus ganz unterschiedlichen Medien wie Kunsthandwerk, Literatur oder auch so prosaischen Dingen wie Kaufverträgen und Sammlungskatalogen Bildgehalte rekonstruiert. Von Warburg, der zeitlebens als Kunsthistoriker eher eine esoterische Berühmtheit blieb, stammen Begriffe wie "Denkräume" und "Pathosformel", die in den Sprachgebrauch seiner Disziplin eingegangen sind. Sein Lebenshauptwerk aber ist die Warburg-Bibliothek, die mit ihrer speziellen Systematik heute eine der wichtigsten Fachbibliotheken der Welt ist. Nach Warburgs Tod 1929 konnte Fritz Saxl als Bibliotheksdirektor das Projekt bis 1938 weiterführen - und die Bibliothek vor den Nazis nach London retten, wo sie noch heute residiert.

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