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: Gebändigt sind die Kräfte

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Mit kaum einem anderen unter den Künstlern haben sich die Deutschen von jeher schwerer getan als mit Michelangelo. Spätestens seit Winckelmann und noch bis zu Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin galt er als der große Formverderber, dem jede Grazie und Anmut abgesprochen wurde, dem aber zugleich Größe ...

          Mit kaum einem anderen unter den Künstlern haben sich die Deutschen von jeher schwerer getan als mit Michelangelo. Spätestens seit Winckelmann und noch bis zu Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin galt er als der große Formverderber, dem jede Grazie und Anmut abgesprochen wurde, dem aber zugleich Größe attestiert werden musste, und sei es seiner schieren Gestaltungskraft wegen: Bewunderndes Entsetzen ist der Grundtenor, mit dem seinem Werk begegnet wurde.

          Michelangelos selbstquälerisches Schöpfertum hat ihn auch eher zum Favoriten der Literaten taugen lassen, während sein Antipode Raffael unausgesetzt über Generationen von Künstlern geherrscht hat. Der ästhetische Heroismus des 19. Jahrhunderts hat diese Widersprüchlichkeit zwischen ästhetischem Unbehagen und titanischer Künstlerverehrung zum Mythos verklärt, was die Rezeption Michelangelos in Kunstbetrieb und Forschung gleichermaßen mehr erschwert als befördert hat.

          Nur selten hat die deutschsprachige Kunstliteratur diesem Künstler gegenüber aus pathetischen Gemeinplätzen heraus und zu souveräner Haltung und sprachlicher Leichtigkeit gefunden; allen voran hat Goethe Michelangelos moderne Eigenständigkeit begriffen und propagiert - womit er freilich ebenso wenig erfolgreich war, wie in sämtlichen anderen Domänen seiner Kunstpolitik auch. Und allenfalls Herman Grimm und Carl Justi kommt noch zu, diesen Künstler ganz unaufgeregt verstanden und dessen Werk in seiner sinnlichen und konzeptuellen Unvergleichlichkeit angemessen gewürdigt zu haben.

          Man zögert nicht, den Band von Horst Bredekamp, der fünf Aufsätze zu Michelangelo vereint, in diese Linie zu stellen. Auch und gerade weil er das in so bescheidener Aufmachung tut. Es handelt sich um konzentrierte Destillate und gleichsam um die vorläufige Summe seiner langjährigen Forschungen.

          Bredekamp geht es nicht darum, der vermeintlich transzendierenden Vollendung in Michelangelos OEuvre nachzuspüren. Vielmehr erkennt er als dessen inneren Zusammenhang eine singuläre Häufung von äußeren oder selbstgeschaffenen Zwängen und Schwierigkeiten, die es als wirkliches Spannungsprodukt beschreiben lassen. Überzeugend nüchtern plädiert er dafür, das sogenannte "Non-Finito", die auffallend große Zahl von unfertigen Werken, nicht zum bewusst gewählten Vollendungsgrad zu stilisieren - wie das eine romantische Kunsttheorie folgenreich getan hat -, sondern vielmehr als anschaulichen Beleg von Michelangelos notorischer Arbeitsüberlastung und seiner Selbstüberschätzung der eigenen Kräfte zu nehmen.

          Die enorme Zahl der Aufträge in der frühen Schaffensphase zwischen 1498 und 1505, in der der Künstler auf Anerkennung und Durchsetzung drängte, hat die Nichtvollendung geradezu zum physischen Gebot werden lassen. Die unterschiedlichen Vollendungsgrade sind mithin das Resultat einer überbordenden Euphorie und eines hungrigen Kunstmarkts zugleich. Innerer und äußerer Druck erst haben sie zu einer unvermeidlichen Werkform und zum Gestaltungsprinzip gemacht, das dann Kunstgeschichte schreiben sollte.

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