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: Erzählungen aus einer versunkenen Welt

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Das wohl verwirrendste Bild in dem Band der Fotografien von Roger Melis zeigt einen Müller in Dabel bei Parchim. Es ist ein Stehpult zu sehen mit einem aufgeschlagenen Buch, daneben ein schwarzes Telefon, das noch aus der Vorkriegszeit zu stammen scheint. Über dem Pult hängen Urkunden, Zeitungsausschnitte, Bilder.

          Das wohl verwirrendste Bild in dem Band der Fotografien von Roger Melis zeigt einen Müller in Dabel bei Parchim. Es ist ein Stehpult zu sehen mit einem aufgeschlagenen Buch, daneben ein schwarzes Telefon, das noch aus der Vorkriegszeit zu stammen scheint. Über dem Pult hängen Urkunden, Zeitungsausschnitte, Bilder. Eine Treppe ist zu sehen, die offenbar zum oberen Mühlenwerk führt, eine Sackkarre und einige Säcke sind unter der Treppe abgestellt, weitere in einer Ecke des Raums. Darüber hängt eine Grafik, die eine Landschaft abbildet, wie man sie auch durch die Fenster der Mühle sehen oder doch erahnen kann. In der Bildmitte sitzt der Müller auf einem mit einem Schafsfell bedeckten Sessel und liest oder blättert in einem Buch. Neben ihm im Fenster steht ein Kofferradio, der einzige Hinweis, dass die Aufnahme aus der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stammt.

          Möglicherweise blättert der Müller in einem Arbeitsbuch, einem Diarium, in dem seine Kunden und Aufträge notiert sind, aber er sitzt so still und versonnen in dem Sessel, dass man eher zu der Vermutung neigt, er schaue sich in einer Arbeitspause ein unterhaltsameres Buch an, vielleicht einen Band mit Bildern jenes Fotografen, der ihn soeben porträtiert.

          Verwirrend an dieser Fotografie ist der sich aufdrängende Gedanke, dass dieses Bild, ganz genau dieses Bild, vor mehr als hundertfünfzig Jahren auch von einem Carl Spitzweg gemalt worden sein könnte. Abgesehen von dem altertümlichen Telefon und dem auf diesem Bild geradezu futuristisch wirkenden Kofferradio gibt es nichts, was nicht aus der Spitzweg-Zeit stammt oder stammen könnte.

          Aber es ist kein Ölbild von 1850, es ist ein Foto aus der DDR, aus dem Jahre 1987. Die Zeit scheint stillzustehen auf diesem Foto, sie war stillgestanden in diesem stillen Land.

          Alle Fotografien dieses Buches (Roger Melis: "In einem stillen Land". Fotografien 1965-1989. Lehmstedt-Verlag Leipzig 2007, 191 S., geb., 19,90 Euro) tragen den Geruch dieser Ruhe und einer seltsam zeitlosen Behaglichkeit. In jener Welt, die uns dieser Fotoband präsentiert, war die Moderne scheinbar noch nicht angekommen, ist sie nirgends vorhanden, hier weiß man noch nichts von ihren Vorzügen und ihren Nachteilen, nichts von ihrem Heil ist zu sehen und nichts von ihrem Schrecken. Hier ist Hightech ein Fremdwort, unsinnig, abstrakt, aus einer anderen Galaxie. Die Maschinen, sieht man, sind kostbar und selten, nichts wird weggeworfen, man repariert selbst oder gibt es zur Reparatur. Es ist noch viel Handarbeit zu leisten, schwere körperliche Arbeit, nur einfache mechanische Hilfsmittel sind zu sehen, eine Karre, Forken und Brechstangen. Und wären nicht gelegentlich, neben dem vorsintflutlichen Ackergerät, auch mal eine Drehbank, Motorräder, ein Fernseher oder ein Lenin-Plakat zu sehen, könnte man leicht geneigt sein, die Fotos dieses Bandes für Zeugnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert zu halten und nach dem Bild einer Weißnäherin zu suchen.

          Und selbst das den Band beschließende Foto von jenen Menschen, die im Herbst 1989 in Berlin auf die Straße gingen, zeigt vor allem die besonnene Ruhe der Demonstranten und ihre gelassene Aufmerksamkeit. Sie tragen Binden mit der Aufschrift "Keine Gewalt", und dieser Schriftzug ist der einzige Hinweis auf jenen gewaltfreien und trotzdem alles umstürzenden Prozess, der sich 1989 vollzog und den diese Menschen offensichtlich ohne Hektik und fuchtelnde Erregung zuwege brachten, vielmehr mit der ruhigen Kraft eines stabilen Selbstbewusstseins.

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