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: Erst Likör, dann Raffael

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Wer in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Ehre hatte, vom Duc d'Aumale zum Mittagessen erwartet zu werden - darunter Émile Zola, Edmond de Goncourt, Pierre Loti und Camille Saint-Saëns -, nahm in der Regel am Vormittag einen Zug an der Gare du Nord in Paris und wurde am Bahnhof von Chantilly mit einer Droschke abgeholt. Der Gastgeber empfing die Spitzen der Republik auf der Freitreppe seines Schlosses, und beim Aperitif zeigte sich schnell, daß der Herzog zwar nur die bessere, aber wider eine gewisse Etikette eine buntgemischte Gesellschaft einzuladen pflegte: Adlige, Vertreter des Militärs, Mitglieder gelehrter Gesellschaften, Schriftsteller, Musiker und Journalisten. Nach Abschluß des Dejeuner mit Kaffee und Likör führte der Schloßherr durch seine Bildergalerie: Die Gäste bestaunten etwa Werke von Raffael oder Poussin und Porträts, die Clouet von Königen und Königinnen des 16. Jahrhunderts gezeichnet hatte. Schließlich gelangte man in die Bibliothek, zu der mehr als tausend Handschriften gehörten; die ältesten stammten aus dem 10. Jahrhundert. Wenn es dem Herzog opportun erschien, zeigte er seinen Gästen das 1864 erstandene Marokko-Album von Delacroix, oder er zog gar weiße Handschuhe an, um seinen größten Schatz hervorzuholen und vorsichtig aufzuschlagen: die 1856 in Genf erworbenen "Très Riches Heures du Duc de Berry", das legendäre Stundenbuch des Duc de Berry vom Beginn des 15. Jahrhunderts - heute im Musée Condé.

Zum Sammler wurde der ebenso kultivierte wie vermögende Duc d'Aumale mit siebenundzwanzig Jahren: Nachdem er 1848 zugab, von "Bibliomanie" befallen zu sein, erwarb er 1849/50 die ersten Bücher. Kurze Zeit später begann er, ganze Bibliotheken und Kunstsammlungen aufzukaufen und bei Auktionen eine feste Größe zu werden. Zwei Faktoren waren dabei grundlegend: Vermögen und Zeit. Der Herzog hatte zunächst eine glückliche Hand bei der Verteidigung und Sicherung seines von Verstaatlichung bedrohten Eigentums, beim Verkauf von Immobilien und bei der Vermehrung seines Vermögens durch Anlagen in England und Amerika, so daß er zu einem der reichsten Männer Europas wurde. Ausschlaggebend war sodann auch, daß das Exil ihn zur Untätigkeit zwang, ihm aber gleichzeitig ermöglichte, sich Büchern und Kunstwerken zu widmen und daraus eine Leidenschaft entstehen zu lassen. Es muß schwierig für ihn gewesen sein, aus der glorreichen Rolle des Siegers über Abd el-Kader, als der er auf einem beim Pariser Salon 1845 gezeigten Gemälde von Horace Vernet dargestellt ist, in die des Verstoßenen und zurückgezogenen Bücherwurms zu schlüpfen, aber 1854 resümierte er lakonisch: "In glücklicheren Zeiten habe ich die alten Bücher ein wenig vergessen, doch die Freizeit, die Gott mir gab, ohne daß ich sie ihm abverlangt hätte, hat mich sie besser kennenlernen lassen."

Er beschränkte sich aber nicht auf das - intensive - Lesen eigener Bücher, sondern entwickelte viele Interessen und Aktivitäten: Er begeisterte sich für bibliophile Ausgaben, kaufte, so gut es ging, die Sammlung seines Vaters zurück, erforschte die Geschichte der Condé, kommentierte sie kritisch und publizierte Artikel als Historiker, so für die "Philobiblon Society" oder die "Revue des Deux Mondes". Neben dem Interesse an Kostbarkeiten der Buchmalerei oder des Buchdrucks entwickelte er eine Passion für Zeichnungen und Gemälde und erwarb Werke von Dürer und Fouquet, Michelangelo und van Dyck, von Watteau und Carmontelle, Prud'hon und Géricault.

Der Herzog war sich bewußt, daß nach seinem Tod sein Lebenswerk in alle Winde verstreut würde, und wünschte sich, daß alles an Ort und Stelle bleiben möge. So vermachte er 1884 seine Sammlung dem Institut de France, einer Einrichtung, die sich zwar der "unvermeidlichen Wandlungen der Gesellschaft" bewußt sei, aber ihre "Unabhängigkeit inmitten politischer Wechsel" zu bewahren wisse, wie er in seinem Testament schrieb. 1898, ein Jahr nach seinem Tod, wurde die Kollektion dem Publikum durch die Eröffnung des Musée Condé, das dem Institut de France gehört, zugänglich gemacht. Wie Prinz Aga Khan in seinem Nachwort zu dieser Biographie erläutert, ist erst vor kurzem eine den immensen Unterhaltskosten und der anstehenden Sanierung geschuldete Stiftung gegründet worden, um das Vermächtnis des Duc d'Aumale in die Zukunft zu retten.

PETER KROPMANNS.

Éric Woerth: "Le Duc d'Aumale. L'étonnant destin d'un prince collectionneur". Éditions de l'Archipel, Paris 2006. 288 S., 10 Abb., 19,95 Euro.

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