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: Ein Kenner für die Sammlung des Führers

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Auch die Kunstwissenschaft ist dabei, die dunkle Seite der Geschichte ihres Faches in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Was können Kunsthistoriker schon Schlimmes gemacht haben, war die gängige Ausrede der Nachkriegszeit, man habe ja einer reinen Geisteswissenschaft gedient. Teil einer nationalsozialistischen ...

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          Auch die Kunstwissenschaft ist dabei, die dunkle Seite der Geschichte ihres Faches in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Was können Kunsthistoriker schon Schlimmes gemacht haben, war die gängige Ausrede der Nachkriegszeit, man habe ja einer reinen Geisteswissenschaft gedient. Teil einer nationalsozialistischen Kunstwissenschaft waren aber nicht nur die eindeutigen rassistischen Anwandlungen, die einen deutschen Stil als künstlerische Artikulation einer den Nachbarländern überlegenen Kultur ansahen und nach dem Deutschen in der deutschen Kunst suchten. In den letzten Jahren fanden die Opfer des straff organisierten Kunstraubs dieser Zeit mehr Beachtung, und damit erscheint die Fachgeschichte in neuem Licht. Kunstwissenschaftler, die den scheinbar unverfänglichen Tätigkeiten des Sammelns und Bewahrens nachgingen, geraten nun in den Fokus.

          Hermann Voss machte eine unauffällige Karriere im deutschen Museumswesen. Er promovierte 1907 in Heidelberg beim konservativen Schwiegersohn Richard Wagners, Henry Thode, über den altdeutschen Maler Wolf Huber. Danach interessierte er sich vor allem für die wenig beachtete italienische Kunst der späten Renaissance und des frühen Barock. Ein Volontariat an den Berliner Museen ließ ihn durch die Schule Wilhelm Bodes gehen, dessen System aus Kennerschaft und geschickter Nutzung des Kunsthandels für die Sammlungen sehr vorteilhaft war. Die Arbeit an der graphischen Sammlung des Museums der bildenden Künste in Leipzig ab 1912 und als Kustos der Berliner Gemäldegalerie von 1922 an brachten ihm 1935 nur die Leitung des Nassauischen Landesmuseums in Wiesbaden ein. Er schien in die Provinz abgeschoben, pflegte aber weiter seine Kontakte zum Kunsthandel und zu Kollegen.

          1943 wurde Voss der Nachfolger Hermann Posses als "Sonderbeauftragter" Hitlers. Der bedeutende Dresdner Museumsmann Posse hatte seine jahrzehntelange Arbeit für eine der wichtigsten Sammlungen in Deutschland letztlich entwertet, als er sich zum Vollstrecker der Allmachtsphantasien des Kunstsammlers Adolf Hitler machen ließ und 1939 begann, in kürzester Zeit eine der größten Kunstsammlungen der Geschichte für das zentrale Museumsprojekt des Diktators in Linz zusammenzutragen. Als Posse mitten in seiner Aufbauarbeit 1942 starb, war die Überraschung groß, dass der in Wiesbaden tätige Spezialist für italienische Kunst Hermann Voss sein Nachfolger wurde.

          Obwohl Voss sich, wie zuvor schon Posse, nicht als glühender Nationalsozialist hervorgetan hatte, war er für Hitler und die ihn beratenden Kunsthändler der adäquate Ersatz für die Sammel- und Organisationskompetenz des Dresdner Museumsleiters. Kathrin Iselt kann anhand der Akten des Bundesarchivs und der bislang ungenutzten Personalakten der Museen, an denen Voss tätig war, den Werdegang und das Wirken dieses unscheinbaren Kunsthistorikers erstmals erhellen. Er wusste seine Kennerschaft geschickt für seine Sammelleidenschaft zu nutzen. Leider verweist die Autorin bei der Nennung der meisten involvierten Personen nur auf die Sekundärliteratur. Einem breiten Publikum hätten hier jeweils Angaben zu Biographie und Werdegang ein Netzwerk aus Museumsleuten, Kunsthändlern und Verwaltungsleuten sichtbar machen können.

          Voss setzte das von Posse aufgebaute System der Plünderung zwei Jahre lang skrupellos fort. Aber er hatte zuvor schon in Wiesbaden die Säuberung deutscher Museen von "entarteter Kunst" genutzt, die ehemals an der Moderne orientierte Sammlung nach seinen eigenen Interessen an der älteren Kunst komplett umzubauen. Er scheute sich auch nicht, seinen Sachverstand als williger Helfer für die Ausplünderung jüdischer Sammler zur Verfügung zu stellen.

          Nach dem Krieg verstand er es geschickt, sich als ideologiefreier Kenner und sachorientierter Museumsmann zu stilisieren. Obwohl der "Sonderauftrag Linz" inzwischen intensiver erforscht wurde, blieb die Rolle von Voss als Chef dieses organisierten Raubs bislang weitgehend unbeachtet. Iselt betont, dass der Wert der kennerschaftlichen Arbeit von Voss unbestritten ist und heute noch genutzt wird.

          Dass er nicht wie andere Museumsleute, deren Wirken noch überwiegend einer kritischen Aufarbeitung harrt, nach 1945 wieder in Amt und Würden gelangte, ist letztlich nur der aus Voss' Sicht unglücklichen Überschreitung der Altersgrenze verschuldet. Einer der Hauptverantwortlichen konnte seine Biographie so bereinigen, dass das Spruchkammerverfahren eingestellt wurde.

          ANDREAS STROBL

          Kathrin Iselt: "Sonderbeauftragter des Führers". Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884-1969).

          Böhlau Verlag, Köln 2010. 520 S., geb., 59,90 [Euro].

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