https://www.faz.net/-gyz-q1d8

: Die Wiederkehr von Albert Speer - wozu?

  • Aktualisiert am

Lange hat Margret Nissen die Bücher ihres Vaters verkehrt herum ins Regal gestellt, damit sie den Namen auf dem Buchrücken nicht sehen mußte. Ein Kollege hat sie mal zu Hause besucht und auf Familienfotos den Vater erkannt. Er hat aber nichts dazu gesagt, sie ist ihm bis heute dankbar dafür. Als ...

          3 Min.

          Lange hat Margret Nissen die Bücher ihres Vaters verkehrt herum ins Regal gestellt, damit sie den Namen auf dem Buchrücken nicht sehen mußte. Ein Kollege hat sie mal zu Hause besucht und auf Familienfotos den Vater erkannt. Er hat aber nichts dazu gesagt, sie ist ihm bis heute dankbar dafür. Als Margret Nissens Tochter, eine Architektin, sich während ihrer Ausbildung um ein Praktikum bewarb, wurde sie gefragt, ob es in ihrer Familie schon Architekten gegeben habe. Sie log und sagte nein. Ihre Haltung zum NS-Thema beschreibt die Autorin so: "Ich wollte nichts wissen, habe nichts gefragt, ich habe nicht darüber gesprochen, ich wurde stumm, wenn es um diese oder ähnliche Gesprächsthemen ging."

          Margret Nissen ist das vierte Kind von Albert Speer. Sie erinnert sich an eine Kindheit auf dem Obersalzberg, an einen fröhlichen, netten, aber abwesenden Vater. Als er 1966 aus der Haft entlassen wurde, hatte sie längst eine eigene Familie. Trotzdem nennt sie ihren Vater den "Makel", der ihr Leben belastet. Das heftige Verdrängen hat es Margret Nissen ermöglicht, ein erfülltes und ausgeglichenes Familien- und Berufsleben zu führen. Wem steht es an, das zu kritisieren?

          Die Autorin beschreibt, wie sie sich von der ganzen bundesrepublikanischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus fernhielt. Es gelang ihr sogar, als Fotografin in der Stiftung "Topographie des Terrors" zu arbeiten und es zu vermeiden, auf die Fotos zu schauen, die sie da reproduzierte. Nur überprüfen, ob sie scharf sind oder nicht, ohne zu fragen, was sie zeigen, wie es dazu kam. Das ist keine geringe Verdrängungsleistung.

          "Ich mag keinen schlechten Vater haben", schreibt Nissen. Man kann das gut verstehen. Es ist auch zuviel, keine Tochter, kein Sohn kann das zusammen denken: die warme Erinnerung an Sonntagvormittage im Bett des Vaters und an die vielen Menschen, die derselbe Mann auf dem Gewissen hat.

          Es gibt keine Pflicht der Kinder oder Enkel von Nazi-Tätern, zu ihren Verwandten Stellung zu beziehen. Es gibt allerdings auch keine Pflicht, Bücher über sie zu schreiben.

          Für diese Bücher gelten die sich permanent wandelnden Standards der zeithistorischen Literatur, und sie sind in den letzten fünfzehn Jahren, je mehr die Forschung voranschritt, für die Nazi-Oberen nicht gnädiger geworden. Darum ist dieses Buch in wichtigen Punkten unzulänglich, ein Ärgernis. Man kann heute, Speer meinend, nicht mehr fragen: "Warum hat sich ein intelligenter, begabter junger Mann jahrelang mit Hitler und seinen Gefolgsleuten eingelassen?" Viele NS-Verbrecher waren jung, intelligent und begabt, sonst wären sie nicht so effektiv gewesen. Und Hitlers Rüstungsminister in den mörderischsten Jahren der NS-Herrschaft hat sich mehr als nur "eingelassen". Man könnte es ja fast schon umgekehrt formulieren: Hitler hat sich auf Speer eingelassen. Und was genau waren die "Ideen der Nationalsozialisten", an die Speer "als junger Mann" geglaubt haben mag?

          Man mag so etwas nicht mehr lesen: Nicht die Variationen über Albert Speer als den enigmatischen, pseudo-faustischen Technokraten, der irgendwie zu konzentriert aufs Bauen war, als daß er gemerkt hätte, was in der Welt so los war; nicht, daß es "rätselhaft" bleibe, warum er 1942 den Job des Rüstungsministers angenommen hat, und ob er - der im September 1942 persönlich die Millionen für den Ausbau von Auschwitz genehmigte - womöglich etwas von der Schoa gewußt haben mag.

          Das Buch ist keine Apologie des Vaters, aber es überschreitet die Sphäre des Ungefähren, der lebenspraktisch bequemen, womöglich notwendigen Trennung zwischen dem privaten und dem "historischen" Vater nicht entschieden genug. So bleibt es ein halbherziges Dokument, tastend, seltsam mutlos und an entscheidenden Stellen immer noch stumm. Die Ko-Autorinnen Margit Knapp und Sabine Seifert hätten das spüren und korrigieren müssen.

          Man erfährt ansonsten allerhand über das Leben, die Familie und die Arbeit von Frau Nissen, lernt sie als sympathischen Menschen kennen, der gerne mal faul ist und dem es bei der Hundedressur an Autorität mangelt. Aber diese Passagen kann man nur achselzuckend lesen, denn darum geht es doch nicht. Das Buch bringt weder Aufklärung noch Trost; denn für die einzige wesentliche Frage, die, aus der das ganze Vorhaben seine Energie bezieht, gibt es keine Antwort: "Warum mußte er ausgerechnet mein Vater sein?"

          NILS MINKMAR

          Margret Nissen: "Sind Sie die Tochter Speer?". DVA. 225 Seiten, 19,90 Euro

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.