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: Die Insel der Hannah Höch

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Dieses kleine, soeben im Verlag "The Green Box" erschienene Buch hat eine lange Geschichte im Verborgenen, und darum ist es ein umso größeres Glück, es nun in Händen zu halten. Am Anfang steht Hannah Höch, die wir uns in ihrer Berliner Wohnung in Heiligensee vielleicht ein wenig wie Dr. Moreau vorstellen müssen, den verrückten Wissenschaftler aus H.

          Dieses kleine, soeben im Verlag "The Green Box" erschienene Buch hat eine lange Geschichte im Verborgenen, und darum ist es ein umso größeres Glück, es nun in Händen zu halten. Am Anfang steht Hannah Höch, die wir uns in ihrer Berliner Wohnung in Heiligensee vielleicht ein wenig wie Dr. Moreau vorstellen müssen, den verrückten Wissenschaftler aus H. G. Wells' Roman "Die Insel des Dr. Moreau", einer Erzählung von einem abgeschiedenen Stück Land inmitten des Ozeans und neuen Lebewesen, die dort geschaffen werden. Stück für Stück fügt sie Moreau zusammen, aus Tatzen, Köpfen, Bäuchen und Beinen collagiert er sich eine neuartige Menagerie, die sein Reich bevölkert, er gibt ihnen Namen, herrscht über sie, bis es zwei Schiffbrüchige auf seine Insel verschlägt und sein Treiben auffliegt.

          Bis dahin reichen die Parallelen: Denn erstens wird es auch im Fall von Hannah Höch lange dauern, bis ihr kleiner im Geheimen geschaffener Zoo das Licht der Öffentlichkeit erblickt, genau genommen vierzig Jahre. In den achtziger Jahren erschien in Leipzig die erste, auf zweihundert Exemplare limitierte bibliophile Ausgabe ihres "Bilderbuchs", die schnell vergriffen war. Geschaffen hatte Hannah Höch ihr Papieruniversum für Kinder allerdings schon 1945, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs: neunzehn Collagen und begleitende Texte - neunzehn neue Arten vom "Unzufriedel" bis zu "Madame Emmchen".

          Bei den Verlagen erntete sie allerdings damit nur hochgezogene Augenbrauen, zu abseitig sei der Stoff, zu aufwendig das Druckverfahren, das die Umsetzung der Vorlagen erfordert hätte. Die Zeitschrift "Welt der Frau" publizierte 1952 sogar eine Abbildung, um für das Buch zu trommeln und doch noch einen begeisterungsfähigen Verleger an Land zu ziehen. Auf die ersten Liebhaber stieß das Projekt trotzdem erst im Jahr 1975, als es in der Berliner Ausstellung "Als der Krieg zu Ende war. Kunst in Deutschland 1945-50" dem Publikum gezeigt wurde. Drei Jahre später starb Hannah Höch achtundachtzigjährig in Berlin; die erwähnte erste bibliophile Ausgabe dieses Bilderbuchs sollte sie also nicht mehr erleben.

          Wie eine surrealistische Version von Falladas Angestelltenwelt

          Und es gibt noch eine zweite Parallele. Wie der schnippelnde, flickende Dr. Moreau klaubte sich auch Hannah Höch das Ausgangsmaterial aus bereits Vorhandenem zusammen. Die Welt wird zum Steinbruch, aus dem eine neue geschaffen wird. Dr. Moreau, ein aus England wegen illegaler Experimente geflohener Physiologe, lässt sich in Wells' Erzählung Tiere aus exotischen Ländern anliefern, Affen oder Großkatzen, um sie dann auseinanderzubauen und umzumontieren. Hannah Höch holt sich ihren Rohstoff aus der illustrierten Presse, die sie verhackstückt, zerreißt, zerfieselt und schließlich mit Klebstoff und Schere zu Prototypen neuer Arten zusammenfügt. Schon im September 1939 notiert sie erschöpft in ihren Terminkalender: "Tagelang mit Zeitschriften durchsehen und ausschneiden beschäftigt."

          Und damit enden natürlich die Ähnlichkeiten: Schließlich ist Dr. Moreau als Schauergestalt in die Literatur eingegangen, der erbarmungslose Wissenschaftler, der jede Grenze übertritt; seine Kreaturen sind dementsprechend tragisch, verletzt und zerrissen. Höch dagegen schafft ein Paralleluniversum mit außerordentlich sympathischen, wenn auch skurrilen Einwohnern, in dem wir uns vielleicht zuerst dem rechtschaffenen "Meyer I" zuwenden sollten, dem berechenbarsten von Höchs Geschöpfen, über den uns der beigefügte Text verrät:

          "Allmorgentlich kann man ihn sehn

          zum Amte geh'n.

          Er ist ein kluger Mann und ein

          weitgereister

          der die Dinge überblicken kann.

          Nächstens wird er Bürgermeister.

          Längst schon sprach sich das herum

          im Aquarium."

          Ein weiterer Bewohner, der in der mutmaßlich bald von Meyer I geführten Stadt residiert, ist der "Unzufriedel". Mit aufgerissenen Schmetterlingsaugen und dicken Lampionsgliedern winkt er uns zu. Seine Misere ist die folgende:

          "Verzweifelt schwingt er die Arme

          im Kreise.

          Er wollte ein schwarzes Kleid.

          Gott gab ihm das Weisse.

          Vorwurf um Nase und Blick

          geht er durch's Leben.

          Er pflegt nun mal den Tick

          man hab' ihm das falsche gegeben."

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