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: Die Geschichte des Atomzeitalters vor Fukushima

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Es gibt Bücher, die auf eine derart verrückte Weise vom Zeitgeschehen eingeholt werden, dass man nicht mehr an Zufall glauben mag. Als Ende vergangenen Jahres im amerikanischen Verlag HarperCollins ein Buch mit dem Titel "Radioactive. Marie and Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout" erschien, jubelte ...

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          Es gibt Bücher, die auf eine derart verrückte Weise vom Zeitgeschehen eingeholt werden, dass man nicht mehr an Zufall glauben mag. Als Ende vergangenen Jahres im amerikanischen Verlag HarperCollins ein Buch mit dem Titel "Radioactive. Marie and Pierre Curie: A Tale of Love and Fallout" erschien, jubelte die "New York Times", die zweite Auflage ging sofort in Druck, und die New York Public Library präsentierte das Werk in einer Ausstellung. Ihr Erzählstil galt als klug, die Art und Weise, wie sie Bild und Text miteinander verwebt, als geradezu genial. Nichts deutete darauf hin, dass es sich um etwas anderes als eine weitere glückliche Etappe auf dem Erfolgskurs von Lauren Redniss handeln könnte, der jungen Autorin und Künstlerin, die mit früheren Werken bereits für den Pulitzerpreis nominiert war.

          Dann bebte in Japan die Erde, ein Tsunami überrollte das Festland, aus dem Atomkraftwerk Fukushima wurde eine Kernschmelze gemeldet, und plötzlich konnte man an ein Buch namens "Radioactive" nur noch eine Frage stellen: Hält es den Ereignissen stand? Oder fällt es augenblicklich aus der Zeit?

          Und eben die Antwort darauf ist fast schon beunruhigend, denn Redniss legt mit einer solchen Klarheit die Dinge in Wort und Bild dar, als hätte sie bereits gewusst, dass es eine Vorgeschichte sein würde, der Auftakt zur Geschichte des Atomzeitalters nach Fukushima. Wovon handelt also "Radioactive"? Den roten Faden bildet die Geschichte von Marie und Pierre Curie, die durch zwei Leidenschaften miteinander verbunden waren - die füreinander und die für die Forschung. Zusammen entdeckte das Ehepaar 1898 die Elemente Radium und Polonium; fünf Jahre später erhielten sie die eine Hälfte des Nobelpreises für Physik, die zweite Hälfte des Preises ging an Henri Becquerel. "Radioaktiv" ist ein Wort, das Marie Curie geprägt hat; nach Becquerel wurde die Maßeinheit für Radioaktivität benannt. In Fukushima hieß es zuletzt, es seien 630 000 Billionen Becquerel gemessen worden.

          Als ich Lauren Redniss an einem winterlichen Nachmittag in einem New Yorker Café traf, um mit ihr über ihr Buch zu sprechen, dachte ich bei Becquerel noch an Tschernobyl und das leise Knattern der Geigerzähler, das zu diesem Zeitpunkt nur eine entfernte Kindheitserinnerung war. Das Café liegt in der 12th Street in Manhattan, um die Ecke der Parsons School of Design, wo Lauren Redniss lehrt. Für Deutsche bedeutete Tschernobyl etwas anderes als für Amerikaner, schon wegen der geographischen Nähe. In München rannten unsere Eltern mit Schirmen auf die Straße, als es zu regnen begann, und zogen uns darunter dicht an sich, damit uns kein Tropfen traf. Pilze gab es nicht mehr zu essen, und ich empfand so viel Furcht wie Verwirrung, da ich die Gefahr den Dingen nicht ansehen konnte.

          Von Tschernobyl erzählt auch Redniss in ihrem Buch, ebenso von der Kernschmelze in dem Kernkraftwerk Three Miles Island, die sich 1979 bei Harrisburg ereignete. "Radioactive" handelt nicht nur von der Entdeckung der Radioaktivität, sondern auch immer wieder davon, was daraus wurde. Und auch wenn Tschernobyl in Amerika einen anderen Stellenwert hat, wäre Lauren Redniss keine gute Schriftstellerin, wenn sie nicht hellhörig werden würde bei den Erzählungen und Geschichten, die sich um die Katastrophe ranken.

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