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: Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Dekoration

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Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben." Veröffentlichte heute jemand diese Zeilen, er würde als Fanatiker abgetan und rasch vergessen.

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          Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben." Veröffentlichte heute jemand diese Zeilen, er würde als Fanatiker abgetan und rasch vergessen. Doch 1908, als er diese Zeilen veröffentlichte, erregte Adolf Loos Debatten, die so hitzig waren wie kürzlich die über Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete". Denn der ätzende Ausfall gegen Tätowierungen ist Teil des Aufsatzes "Ornament und Verbrechen", der, 1929 verballhornt zum Schlachtruf "Ornament ist Verbrechen", bis heute eine Maxime modernen Bauens geblieben ist.

          Die polemische Zuspitzung der Loosschen Thesen durch Adepten ist beileibe nicht das einzige Missverständnis in diesem Zusammenhang: So wie sich Adolf Loos seinerzeit energisch von den Protagonisten des Neuen Bauens distanzierte, als deren Mentor er heute gilt, würde er sich mit Sicherheit gegen die Modernisten der aktuellen Zweiten Moderne verwahren. Denn ihre Ornament-Phobie hat, obwohl auch sie sich auf Adolf Loos berufen, mit dessen Auffassungen so viel zu tun wie Dörrobst mit Granatäpfeln: Adolf Loos, das ist die Hauptbotschaft der Analysen von Ralf Bock, wurde zum Neuerer nicht aus Hass auf, sondern aus Respekt vor der Tradition: "das heute baut sich auf das gestern auf", schrieb er, "sowie sich das gestern auf das vorgestern aufgebaut hat." Und 1924, als die Chefideologen des Funktionalismus ihm huldigten, erklärte Loos: "Ich habe niemals gemeint, was die puristen ad absurdum getrieben haben: daß das ornament systematisch und konsequent abzuschaffen sei."

          So kategorisch wie Karl Kraus und assoziativ wie Peter Altenberg, mit denen er, samt Oskar Kokoschka und Arnold Schönberg, das entzückt aufstöhnende Wiener Bürgertum verschreckte, wäre Adolf Loos dem, was in seinem Namen gebaut wird, mit Aufsätzen wie "Die Überflüssigen" oder "Kulturentartung" entgegengetreten. An der fürchterlichen Nazikarriere des Begriffs "entartet" ist letztgenannter Titel unschuldig. Aber er bezeugt den Fanatismus, mit dem Adolf Loos, als Journalist so versiert wie als Architekt, seine Sache vertrat. Er, der sich selbst als Menschenfreund sah, war ein Diktator in Fragen des guten Geschmacks, was sein Biograph Ralph Bock diskret als die Tatsache beschreibt, dass "die Realität sich in der Regel ja keineswegs mit dem Idealbild deckt".

          Mit Urteilen hält Bock sich zurück, er lässt Fakten und das Werk sprechen. Damit zeigt er den vermeintlich bekannten großen Loos als großen Unbekannten. Da ist die Jugend, wirr, wie sie ein Thomas Mann kaum merkwürdiger hätte erdichten können - Schulwechsel in Serie wegen Aufsässigkeit (bei ausgezeichneten Leistungen), fehlende Hochschulreife, abgebrochene Gaststudien an der Technischen Hochschule Dresden und der Wiener Akademie. Zu den Bizarrerien zählt auch die Mutter, die Loos, weil er nach Amerika reist, statt das Brünner Steinmetzgeschäft des früh verstorbenen Vaters zu übernehmen, entmündigen lässt. Und was Manns "Tonsetzer" Adrian Leverkühn Leipzig und der Satan sind, wurden dem künftigen Architekten Loos Wien und sein Pate - von Letzterem in eines der bekannten Wiener Bordelle geführt, zog er sich eine Geschlechtskrankheit zu, die später zum Siechtum und vorzeitigen Tod mit 63 Jahren führte.

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