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: Die Frau des Schachspielers

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Die Voraussetzungen der Braut für eine Ehe mit dem Paten der Avantgarde waren denkbar aussichtslos: "Als ich Marcel Duchamp kennenlernte, war ich gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt. Ich war weder Intellektuelle noch Künstlerin, sondern eher eine sportliche junge Frau. Hinter mir lag eine enttäuschte Jungendliebe, ...

          Die Voraussetzungen der Braut für eine Ehe mit dem Paten der Avantgarde waren denkbar aussichtslos: "Als ich Marcel Duchamp kennenlernte, war ich gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt. Ich war weder Intellektuelle noch Künstlerin, sondern eher eine sportliche junge Frau. Hinter mir lag eine enttäuschte Jungendliebe, vor mir ein untätiges Leben, von dem ich nicht wusste, was ich damit anfangen sollte." Das sind die ersten entwaffnenden Sätze eines ganz unverstellten, gerade deshalb hellsichtigen Erinnerungsbuchs, das Lydie Sarazin-Levassor fünfzig Jahre nach ihrer Kurzehe mit Marcel Duchamp verfasste. Die Organisatoren der Duchamp-Ausstellung im Centre Pompidou 1977 hatten sie um ihre Erinnerungen gebeten. Es sollte weitere fast drei Jahrzehnte dauern, bis Marc Décimo diese Aufzeichnungen in Frankreich als Buch veröffentlichte. Jetzt liegen sie auf Deutsch vor, mit einem Nachwort von Herbert Molderings.

          Gemeinhin sind die Reminiszenzen von Frauen (oder auch Männern), die von artistischen Superstars hinter sich gelassen wurden, bestenfalls amüsant oder dem Voyeurismus genehm. Das ist anders im Fall der Lydie Fischer Sarazin-Levassor. Das Fischer in ihrem Namen verdankt sich übrigens einer späteren zweiten Ehe, die man ihr von Herzen gönnt. Der elegante Doppelname stammt von ihrer Familie väterlicherseits, die als Automobilkonstrukteure zu Wohlstand und Ansehen kamen. Um das also gleich hier zu sagen: Lydie (man traut sich, sie beim Vornamen zu nennen, aus Sympathie) hatte schon als junge Frau 1927 ein eigenes Auto - "Ein 5 CV erobert die Welt" heißt das dritte Kapitel, in dem sie noch tapfer an die Liebe ihres frisch antrauten Gatten glauben will -, und Duchamp seinerseits hatte mit einer satten Mitgift ihres Vaters Henri gerechnet, die aber ausblieb. Denn Henri hatte seine einzige Tochter zum Teil eines Deals gemacht: War die liebenswerte, aber nach gängigen Maßstäben nicht gerade umwerfend attraktive Lydie endlich unter die Haube gebracht, dann konnte er sich von seiner Ehefrau trennen, um mit seiner langjährigen Geliebten zusammenzuziehen. So geschah es, und dafür brauchte Henri sein Geld. Den Stifter dieser Verbindung gab wohl der notorische Exzentriker, Dandy und Autonarr Francis Picabia, der sowohl mit dem alten Sarazin-Levassor wie mit Duchamp befreundet war.

          Womit man mitten in einem sinistren Spiel des Dada oder Surrealismus angekommen wäre. Als "Un échec matrimonial. Le coeur de la mariée mis à nu par son célibataire même" kamen Lydies Erinnerungen 2004 in Frankreich heraus - ein ehelicher Misserfolg also, bei dem das Herz der Braut unter die Räder geriet, in offener Anlehnung an Duchamps Werk "Das große Glas" und dessen Titel "Die Braut von ihren Junggesellen entkleidet, sogar". Wie viel Traurigkeit liegt in Lydies Referenz darauf, wie viel Achtung aber auch vor dem Mann, der dem zwanzigsten Jahrhundert seinen Bruch mit den Konventionen der Kunst so nachhaltig oktroyiert hat wie kein zweiter bis heute. Duchamp war 1927 gerade aus New York nach Paris zurückgekommen; er war vierzig Jahre alt und hatte mit der Kunst (vorerst) abgeschlossen. Die inkarnierte Junggesellenmaschine arbeitete an einer Karriere als Schachspieler: Da begegnete ihm die naive, in seiner geistigen Domäne völlig kenntnisfreie junge Frau.

          Lydie Sarazin-Levassors Bericht über ihre Ehe, die nach sieben Monaten im Januar 1928 geschieden wurde, handelt vom aussichtslosen Kampf um den Mann, in den sie wahnsinnig verliebt ist, und vom Ringen um ihre Selbstachtung, zumal in den Kreisen, in die sie durch ihn gerät. Sie gibt teils sehr scharfsinnige Beschreibungen der Corona um Duchamp, die sich vor allem beim Sommeraufenthalt in Südfrankreich mit ihren Kreisen überschneidet. Sie schildert den liebenswerten Constantin Brâncusi oder den unangenehmen Man Ray, der hässliche Fotos von ihr macht, und dessen Gefährtin Kiki de Montparnasse, mit der sie sich gut versteht. Der Unstern des Kalküls steht über dieser Mesalliance, doch immer wieder erzählt Lydie von ihren geduldigen Anläufen, sich Duchamps impertinenten Vorstellungen von ihrer Verbindung und noch den abgerissensten Wohnverhältnissen zu beugen. Aber bereits im Oktober 1927, vier Monate nach der Trauung, wird die gemeinsame Wohnung aufgegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Duchamp, was im Buch nur vage angedeutet wird, seine Daueraffäre mit der vermögenden Amerikanerin Mary Reynolds wieder aufgenommen.

          Ein Urteil über Duchamps Charakter ist kaum von Interesse für seine künstlerische und intellektuelle Bedeutung. Was indessen etwas zur Sache tut ist die kalt lächelnde Brachialität, mit der er seine Ziele verfolgte. Duchamp erscheint als ein, man muss es so sagen: Schmarotzer von Graden, der in seinen Erwartungen herb enttäuscht wurde. Herbert Molderings überschreibt sein rasantes Nachwort mit "Der Einzige und sein Opfer", ruft also Max Stirner und dessen Schrift "Der Einzige und sein Eigentum" in Erinnerung. Von 1900 bis 1914 habe Stirner, noch stärker als Nietzsche, Hochkonjunktur unter den Pariser Intellektuellen gehabt, so Molderings, der die geplante "Versorgungsheirat" und das brutale Verhalten Duchamps bei der Trennung vor diesen Hintergrund rückt.

          Lydie Sarazin-Levassors Bericht ist jedoch gerade deshalb so lesenswert, weil sie nicht späte Rache übt. Sie nimmt vielmehr alles Verkennen auf ihre eigene Kappe und das durchaus nicht scheinheilig. Es gelingt ihr, die Gefühle der damaligen jungen Frau lebendig werden zu lassen. Am Ende hat eben sie den Stil.

          Ein Postscriptum: Marcel Duchamp ist doch noch eine zweite Ehe eingegangen. Er heiratete 1954 Alexina, genannt Teeny, die zuvor die Frau des New Yorker Galeristen Pierre Matisse war, des Sohns von Henri Matisse. Bei dieser Braut war sich der Junggeselle sicher, was er an ihr haben würde.

          Lydie Fischer Sarazin-Levassor: "Meine Ehe mit Marcel Duchamp". Aus dem Französischen von Isolde Schmitt und mit einem Nachw. von Herbert Molderings. Piet Meyer Verlag, Wien 2010. 320 S., Abb., geb., 26,50 [Euro].

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