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: Die Akte Arnold Odermatt

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Wie mag bloß das Auto in den See gekommen sein? Die wahre Vorgeschichte bleibt dem Betrachter verborgen, könnte von ihm allenfalls vermutet werden. Arnold Odermatt hält nur das traurige Ende fest - ein gründlich verbeulter schwarzer VW-Käfer liegt hier im seichten Wasser am Ufer, allem Anschein nach ein Totalschaden.

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          Wie mag bloß das Auto in den See gekommen sein? Die wahre Vorgeschichte bleibt dem Betrachter verborgen, könnte von ihm allenfalls vermutet werden. Arnold Odermatt hält nur das traurige Ende fest - ein gründlich verbeulter schwarzer VW-Käfer liegt hier im seichten Wasser am Ufer, allem Anschein nach ein Totalschaden. Mit "Buochs 1965", wie der ortsbeschreibende knappe Titel der Aufnahme lautet, hat Odermatt, Chef der Verkehrspolizei im Schweizer Kanton Nidwalden, wieder einmal einen Verkehrsunfall nüchtern und präzise dokumentiert: Ein gestochen scharfes Bild als Anschauungsmaterial und Entscheidungsgrundlage für das Gericht und die Versicherung, auch für die Presse.

          Und wie so oft hat er zugleich ein wunderbares Landschaftsbild geschaffen - hier in zartesten Grautönen mit dem spiegelglatten Vierwaldstättersee im Dämmerlicht, der ruhevollen Bergkulisse und dem Wolkenhimmel im Hintergrund, dem Baum über der Böschung als filigraner schwarzer Silhouette. Und das so armselig und grotesk verformte Unfallauto scheint in diesem Bild kaum mehr als die Rolle eines die Harmonie nur vage störenden Repoussoirs zu spielen.

          Nichts weist auf das Schicksal des Fahrers oder anderer Insassen hin - eine gnädige Abstraktion, ohne die auch diese Aufnahme, genau so wie die anderen, schwer erträglich wäre. Daß der Schweizer Polizeifotograf Arnold Odermatt immer erst dann in Aktion zu treten hatte, wenn die Verletzten und Toten nicht mehr zu sehen waren und sich somit darauf beschränken konnte, den reinen Sachschaden zu dokumentieren, dürfte eine Voraussetzung für den bewundernswerten ästhetischen Mehrwert seiner Unfallbilder sein. Entscheidend aber war Odermatts souveräner Blick für die grandiose Komposition einer Aufnahme, für den wohl einzig wahren Ausschnitt.

          Kaputte Autos in schöner, stimmungsvoller Schweizer Landschaft bilden eine Motivgruppe in Odermatts Unfallbilder-OEuvre, Autopaare eine andere: Es sind natürlich keine glücklichen Paare, die er abgebildet hat, sondern ziemlich unangenehme Zweier-Begegnungen: Ein winziger Lloyd etwa ist zu sehen, der im Jahr 1955 in Ennetbürgen einen VW-Käfer von hinten küßte. Oder ein veritabler Reisebus, der sich auf einer Bergwiese in Ennetmoos aus völlig unerklärlichen Gründen in eine Holzscheune gebohrt hat.

          Mast und Kühler

          Wie der Kühlergrill eines nicht mehr zu identifizierenden Autos 1964 in Hergiswil unter die Haube eines Volkswagens geraten ist, möchte man erst gar nicht wissen. Diese Aufnahme kann schon zur dritten Kategorie des Odermattschen Werks überleiten, seinen Fotografien, auf denen das Unfallgeschehen zu so bizzarren wie gleichsam abstrakten Skulpturen erstarrt zu scheint: Beleg hierfür auch die Aufnahme mit dem grotesk verbogenen, riesigen Lichtmast und dem deformierten Auto.

          Die spät einsetzende Erfolgsgeschichte dieser ungewöhnlichen Polizeifotografien begann im Jahr 1993 mit Arnold Odermatts erster Ausstellung in Buochs, die von einem Bildband "Meine Welt" - herausgegeben von seinem Sohn, dem Theater- und Filmregisseur Urs Odermatt - begleitet war. Das im Benteli Verlag Bern erschienene Buch liegt nun in der zweiten, erweiterten Auflage vor. Frankfurt war dann eine der nächsten Stationen auf dem Weg nach oben: Unter dem Titel "Karambolage" zeigte das Polizeipräsidium die Fotografien im Herbst 1998, aus Anlaß der Frankfurter Buchmesse, deren Gastland die Schweiz damals war; im vorigen Jahr gab es eine Ausstellung in der Galerie Springer & Winckler in Berlin.

          Und 2001 kam es schließlich zum großen Karrieresprung: Odermatts Polizeifotografien werden von Harald Szeemann auf der Biennale in Venedig (noch bis zum 4. November) ausgestellt und damit endgültig nobilitiert. Was auch Auswirkungen auf die Preise hat: Eine schwarzweiße Fotografie, die bis vor einiger Zeit noch für 1000 Mark zu haben war, kostet bei einer Auflage von acht Exemplaren mittlerweile um 3000 Mark. Gut, daß Odermatt offenbar noch Tausende, ihrer Entdeckung harrende Negative in seinem penibel aufgeräumten und offensichtlich absolut staubfreien Heim in Stans verwahrt, das er auf seinem Selbstporträt des Jahres 1960 vorstellt: Ordnungssinn und nüchterner Es-ist-so-wie-es ist-Realismus, wie er auf seinen Fotografien sichtbar wird, schließen sich also nicht aus.

          Arnold Odermatt, 1925 im Kanton Nidwalden als eines von elf Geschwistern eines Försters geboren, entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie, als er zehnjährig eine Kamera in einem Wettbewerb gewann. Das Geld für Filme verdiente er damals mit Zaubervorstellungen. Nach der Bäcker- und Konditorlehre ging er mit dreiundzwanzig Jahren zur Kantonspolizei, 1990 wurde er als Oberleutnant pensioniert. Daß der junge Polizist seinen Unfallberichten statt Skizzen plötzlich Fotografien beifügte, stieß anfangs auf Mißtrauen. Aber Odermatt setzte sich durch.

          Arnold Odermatt: "Meine Welt - Photographien 1939-1993". Ausgewählt und herausgegeben von Urs Odermatt. Benteli Verlag, Bern. Erweiterte Neuauflage 2001. 159 S., 97,99 Mark.

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