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: Dichterfreuden der Pinselei

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Was fängt man bloß an, wenn man nicht zum Schreiben aufgelegt ist? Für viele Schriftsteller lautet die Lieblingsantwort: Malen! Am Mischen von Farben scheinen viele Autoren eine geradezu kindlich ungetrübte Freude gehabt zu haben, wie Donald Friedmans prachtvoller Bildband über malende Dichter vorführt. Hermann Hesse befand, das Malen mache "zufriedener und geduldig.

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          Was fängt man bloß an, wenn man nicht zum Schreiben aufgelegt ist? Für viele Schriftsteller lautet die Lieblingsantwort: Malen! Am Mischen von Farben scheinen viele Autoren eine geradezu kindlich ungetrübte Freude gehabt zu haben, wie Donald Friedmans prachtvoller Bildband über malende Dichter vorführt. Hermann Hesse befand, das Malen mache "zufriedener und geduldig. Man hat nachher nicht, wie beim Schreiben, schwarze Finger, sondern rote und blaue." Auch John Updike bestätigt, dass gerade, wer sonst mit Worten Stimmungen und Eindrücke widerzugeben sucht oder in Gedichten Bilder erschafft, empfänglich ist für die Unmittelbarkeit, mit der Gemälde auf den Betrachter wirken: "Die Mittel des Malers sind greifbar. Was er uns sagt, gilt: Seine Striche sind hier und nicht dort, bedeuten dies und nicht das. Wenn wir zeichnen, tauchen wir in die physikalische Wirklichkeit ab."

          Von der Malleidenschaft einiger Schriftsteller wusste man längst, von vielen anderen jedoch nicht. Dabei sind malende Dichter überall zu finden. In Amerika schwangen etwa William Carlos Williams, Henry Miller, Jack Kerouac, William Burroughs, Patricia Highsmith oder Tom Wolfe die Pinsel, in Frankreich waren Marcel Proust und die Brüder Goncourt ebenso ambitioniert zu Gange wie George Sand, Victor Hugo, Arthur Rimbaud oder Eugène Ionesco. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals wetteifern Autoren wie die Brontë-Schwestern, Edward Lear, Joseph Conrad, George Bernard Shaw, Lewis Carroll, Aldous Huxley und Sylvia Plath bis hin zu John Berger, in deutschen Landen sind Gottfried Keller, E. T. A. Hoffmann, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Friedrich Dürrenmatt, Günter Grass und Bruno Schulz an der Staffelei. Es malen die Dichter - Goethe, Puschkin und William Butler Yeats, Dylan Thomas, Federico García Lorca, Odysseas Elytis oder Charles Bukowski - ebenso wie die Dramatiker (Hendrik Ibsen, August Strindberg, Tennessee Williams) oder große Erzähler (Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol, William Makepeace Thackeray, Robert Louis Stevenson, Mark Twain, William Faulkner, Edgar Allen Poe, Evelyn Waugh). Die Nobelpreisträger Derek Walcott, Dario Fo oder Gao Xingjian sind ebenso mit dem Malkasten unterwegs wie die Mystiker Kahlil Gibran oder Rabindranath Tagore. Von manchen, wie Wyndham Lewis, wusste man gar nicht, dass sie einst als Autor bekannter waren denn als bildender Künstler. Einige, wie George Bernard Shaw, wären lieber Maler als Schriftsteller geworden, doch fehlte das letzte Quentchen Begabung. Andere waren bessere Maler als Schriftsteller, wie Beatrix Potter, Kate Greenaway oder Alfred Kubin. Aber keiner der hier vertretenen 113 Künstler muss sich seiner Bilder schämen, im Gegenteil: Es ist niemand darunter, dessen Werke sich nicht sehen lassen könnten. Während es den Bildungsreisenden des neunzehnten Jahrhunderts noch als selbstverständlich galt, dass man Personen und Landschaften einigermaßen wiedererkennbar skizzieren konnte, ging diese Fähigkeit im zwanzigsten Jahrhundert so rasch verloren, dass man fast erstaunt ist über die Stimmigkeit von Perspektive und Proportion, die noch die expressivsten und wildesten der Dichterbilder aufweisen. Wer seine Farben im Kopf mischt, muss sich vor einem leeren Blatt Papier offenbar nicht fürchten.

          fvl.

          - "Und ich mischte die Farben und vergaß die Welt . . .". Malende Dichter. Herausgegeben von Donald Friedman. Mit einem Nachwort von John Updike. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2008. 263 S., geb., 39,90 [Euro].

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