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: Des Zeichnens ausgeprägte Gabe

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Er schätzte keine Besprechungen von seinen Bildergeschichten: "Was Rezensionen anbelangt, so muß ich dir wiederholentlich bekennen, daß derartige Sachen nicht rezensirt sein sollen und wollen", schrieb Wilhelm Busch am 13. Juni 1872 an seinen neuen Verleger Otto Bassermann, der gerade die "Fromme Helene" herausgebracht hatte.

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          Er schätzte keine Besprechungen von seinen Bildergeschichten: "Was Rezensionen anbelangt, so muß ich dir wiederholentlich bekennen, daß derartige Sachen nicht rezensirt sein sollen und wollen", schrieb Wilhelm Busch am 13. Juni 1872 an seinen neuen Verleger Otto Bassermann, der gerade die "Fromme Helene" herausgebracht hatte. "Sie sind bislang nicht dadurch gefördert, weder künstlerisch noch buchhändlerisch, und werden auch künftighin nicht dadurch gefördert werden. Guter Humor und guter Vertrieb, die thun's." Hätte Busch recht, so könnte ich mir diesen Text sparen - und Sie sich die Lektüre.

          Doch diese Rezension gilt mehr als einer der unzähligen Neuausgaben des Werks von Busch - und sie ist auch mehr als eine bloße Besprechung. Sie ist eine späte Hommage an einen toten Freund. Denn als vor vier Jahren die erste Auflage der Historisch-kritischen Ausgabe der Bildergeschichten erschien, gab diese Zeitung sie zur Rezension an Bernd Pfarr, einen der wenigen komischen Künstler, die sich als legitime Erben Buschs bezeichnen dürfen, weil sie wie er Feder, Pinsel, Schreibstift gleichermaßen virtuos handhaben.

          Doch die Besprechung sollten wir nie erhalten; Bernd Pfarr starb im Sommer 2004 nach langer Krankheit, kurz nach einer großen Ausstellung seiner Bilder, die passenderweise im Wilhelm-Busch-Museum stattfand. In seinen erzwungenermaßen oft schlaflosen Nächten hatte er sich immer wieder des Werks angenommen und mir auch schon den ersten Satz der geplanten Rezension verraten: "Für das, was Wilhelm Busch ist, nämlich die schönste Bettlektüre, ist das Ding zu schwer."

          Nun ist es der letzte Satz des dritten Absatzes geworden, aber er trifft auch noch auf die zweite, überarbeitete Auflage zu. Und doch ist jede der mehr als 2800 Seiten genauso nötig wie das große Format und das gute (und damit schwere) Papier, denn Hans Ries, der Bearbeiter der Ausgabe, hat in den meisten Fällen die Bilder genauso groß abgedruckt, wie sie ursprünglich publiziert worden sind. Und irgendwo auf die Seiten müssen ja auch noch Buschs Texte und die wichtigsten Anmerkungen von Ries und seiner Mitarbeiterin Ingrid Haberland zu stehen kommen. Der eigentliche separate Kommentarteil, der noch einmal mehr als 1100 Abbildungen zu Vorstudien, Varianten und Einflüssen anderer Künstler bietet, macht einen ähnlich großen Teil aus wie die Bildergeschichten selbst. Historisch-kritisch - das heißt schließlich, alles Wissen, das man über die Entstehung eines Gegenstands hat, möglichst vollständig zu präsentieren.

          Facetten eines Jahrhundertzeichners.

          So sind in elf Jahren Arbeit an der Gesamtausgabe (und bei Ries und Haberland noch etliche Jahrzehnte früherer Lebenszeit mehr, die bereits Busch gewidmet waren) dreizehn Kilo Buch, verteilt auf drei Bände, zusammengekommen. Auch der stärkste Leser wird da lieber den alten, auch nicht leichtgewichtigen "Humoristischen Hausschatz" mit ins Bett nehmen, den Bassermann, als er Busch 1884 den Vorschlag zu dieser ersten Sammelausgabe machte, ein Buch für den Salontisch nannte. Mit diesem Werk und natürlich mit "Max und Moritz" von 1865 ist Busch zu jenem Autor geworden, der in allen Schichten gelesen wurde. Und bis heute gelesen wird.

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