https://www.faz.net/-gyz-q18w

: Der Kopfstand als Zäsur

  • Aktualisiert am

Der Eindruck stellt sich bei einem Sachbuch nicht oft ein: Aufgeschlagen, legt "Das verkehrte Bild" bereits auf den ersten Seiten dar, wie der Autor, Professor für Kommunikation und Ästhetik an der Universität Oldenburg, "die Inversion als bildnerische Strategie" zu erläutern gedenkt. Die Werbebranche könnte das Buch als Gebrauchsanweisung lesen und als Alibi nutzen.

          Der Eindruck stellt sich bei einem Sachbuch nicht oft ein: Aufgeschlagen, legt "Das verkehrte Bild" bereits auf den ersten Seiten dar, wie der Autor, Professor für Kommunikation und Ästhetik an der Universität Oldenburg, "die Inversion als bildnerische Strategie" zu erläutern gedenkt. Die Werbebranche könnte das Buch als Gebrauchsanweisung lesen und als Alibi nutzen. Springers pragmatisch-induktive Position ist eindeutig. Er verläßt sich, spürbar von Entdeckerfreude getragen, auf sein immenses Faktenwissen und vernachlässigt alles, was die Praktiken der Inversion theoretisch oder kunsthistorisch belasten könnte. So erspart er sich das gewichtige Atemholen, mit dem der Historiker Zäsuren herbeiholt, und läßt sich freilich auch den Blick auf die Akzente entgehen, in denen die ausgedehnte Inversionslandschaft ihre signifikanten Schlüsselfiguren hat.

          Reichlich beiläufig nimmt sich der Einstieg aus: Fünf Abbildungen handeln vom Kopfstand. So gerät die Inversion sofort in die Nähe unterhaltsamer Verwirrungen und Spielereien - einmal in der Hochkunst (Jacques Stellas bläßliche "Culbute"), dann in der schlicht "verkehrten Welt" der Imagerie d'Épinal und in einer Illustration zu "Alice in Wonderland". Am Ende der kleinen Reihe steht das Foto einer als Schaustellung inszenierten Inversion. Es zeigt eine ironische Weltanschauungsglosse, die Bazon Brock am 20. Juli 1964 in Aachen aufführte. Hegel im Kopfstand rezitierend, scheint der alerte Theoretiker den Erlöser Marx anzurufen, der den Philosophen vom Kopf auf die Füße stellen wird. Der beschwerliche Gang der deutschen Philosophie "Von Hegel bis Nietzsche" (Karl Löwith) findet als Happening statt.

          Springer, ohne es auszusprechen, schließt sich diesem Modus an. Sein geschichtsindifferenter Blick registriert die Attitüde, nicht den Einsturz eines Denkgebäudes. Er ignoriert das neunzehnte Jahrhundert als Ort von Kataklysmen und hält es mit der Ironie von Robert Musil, der in sein frühestes Tagebuch schrieb: "Drehen wir einmal soviel als möglich die Dinge um." Dieses Wort schmeckt nach Langeweile, die es nach beliebigen Launen verlangt. Davon, scheint mir, ist Springers leichthändiger Umgang mit inversen Sachverhalten bestimmt. Er wählt sie aus dem Allerlei vieler Schaufenster aus und stellt sie zu einem Kuriositätenladen zusammen, in dem wir uns bedienen dürfen. Den Stoff verteilt er auf etwa fünf Dutzend Kurzessays, deren Neben- und Nacheinander kein Gruppierungsprinzip verrät. Diese Texthäppchen hängen auch nicht an einem Problemfaden, man kann sie in beliebige Lesezusammenhänge stellen, also gleichsam invertieren: lauer hors d'oeuvre, für Leser bestimmt, die mit Kostproben ihren Appetit stillen. Vielleicht ist das ein Rezept für das populäre Sachbuch der Zukunft, das sich als polyfokale Abfolge schneller Blickpunktwechsel versteht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Sie wollte nicht in einem Staat leben, den zu lieben ihr plötzlich wieder aufgetragen wurde. Der Bundeskanzlerbub verlangte das“, schreibt Marlene Streeruwitz.

          Chronik der Regierung Kurz : Was der Kanzlerbub wollte

          In ihrem Roman „Flammenwand“ verquickt Marlene Streeruwitz österreichische Politik und das Liebesleid ihrer Protagonistin Adele. Das Buch ist zugleich Chronik der türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz.
          Mahar will keinen Bruch mit seiner Familie, aber er hat sich entschlossen, zu seiner Frau zu stehen.

          Zwischen den Welten : Die Freundin, die keiner kannte

          Mit Mitte zwanzig war er noch Single. Zumindest glaubte das seine Familie. In Wirklichkeit hatte er eine Freundin, eine Deutsche, eine Andersgläubige. Und da lag das Problem.

          Transfercoup nach Saisonstart : Coutinho lenkt von Bayerns Defiziten ab

          Die Münchner versuchen, sich das 2:2 gegen Hertha zum Saisonstart der Bundesliga schönzureden. Da hilft es, dass nach dem Spiel zwei Transfers bekannt werden. Einer davon ist spektakulär.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.