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: Dekadenz als Zeichen von Fitness

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Welches dieser Arrangements ist ein Kunstwerk? Das eine zeigt filigrane Stäbe, die zu einem Rund mit blauen Verzierungen geflochten sind. Das andere zeigt ein umgedrehtes Urinal, auf dessen Außenseite "R. Mutt 1917" geschrieben steht. Beide können einen ansprechen, wie es Kunstwerke textbuchgemäß tun sollen: indem sie Gefühl und Verstand herausfordern, das eine mehr, das andere weniger.

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          Welches dieser Arrangements ist ein Kunstwerk? Das eine zeigt filigrane Stäbe, die zu einem Rund mit blauen Verzierungen geflochten sind. Das andere zeigt ein umgedrehtes Urinal, auf dessen Außenseite "R. Mutt 1917" geschrieben steht. Beide können einen ansprechen, wie es Kunstwerke textbuchgemäß tun sollen: indem sie Gefühl und Verstand herausfordern, das eine mehr, das andere weniger. Was hat es zu bedeuten, dass das eine Gebilde das Werk des Laubenvogels aus Neuguinea ist und das andere das des Künstlers Marcel Duchamp? Es bedeutet, dass beide aus ähnlichen Instinkten entstanden sind. Der Laubenvogel schafft sein Werk, um mit ihm um eine Partnerin zu werben. Jeder männliche Vogel konstruiert dasselbe, mit demselben Ziel: um sich zu paaren, nicht um Kunst zu schaffen. Der Künstler ist dem Vogel nicht unähnlich. Auch er schafft ein Kunstwerk nicht allein um der Kunst willen, sondern - um sich zu paaren und den Fortbestand seiner Art zu sichern?

          Was nach einer müden Replik auf den Kunstbetrieb klingt, ist in Wirklichkeit das, was sich ergeben kann, wenn man einen Blick auf die Künste durch die Evolutionstheorie wirft: eine darwinistische Ästhetik. Einen Ansatz für solches Nachdenken über Kunst entwirft jetzt Denis Dutton, Professor für Kunstphilosophie an der Universität von Canterbury in Neuseeland und Herausgeber der Internetseite "Arts and Letters Daily", in seinem Buch "The Art Instinct. Beauty, Pleasure and Human Evolution" (Bloomsbury Press, 2009). Dutton will zeigen, dass es nicht nur eine zufällige Neigung ist, die den Mensch Kunstwerke produzieren lässt, sondern ein Instinkt: der Kunstinstinkt, der genetisch bedingt und evolutionär entwickelt ist - und damit allen Menschen innewohnt.

          Die Evolutionstheorie als eine empirisch gestützte Übertheorie hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie nun auch noch die Wirkungsweisen der Schönen Künste erklären soll. Doch Duttons These vom Kunstinstinkt erscheint paradox: Sind Instinkte nicht physiologischer Bestandteil automatischer, unbewusster Verhaltensmuster und Kunstwerke komplexeste Gebilde individueller Vorstellungskraft? Sicherlich kann die Evolutionstheorie die Entwicklung der physischen Merkmale erläutern, dank derer Rembrandt Hände hatte, die Pinsel halten konnten oder Proust einen Geschmackssinn, mit dem er in Tee getunktes Backwerk schmecken konnte. Aber einen Kunstinstinkt entdecken zu wollen, der erklärt, warum diese Werke so und nicht anders entstanden sind, erscheint wie ein modischer Aufguss der alten Frage, was denn die Kunst von der Natur trennt.

          Vielleicht ist diese Skepsis aber unangebracht. Denn Dutton liest Darwins Theorie anders als erwartet, er liest sie als eine Geschichte über das Entstehen eines universalen Kunstverständnisses. Die Evolutionstheorie erzähle nicht nur von der Entwicklung des Menschen zum aufrecht gehenden Lebewesen, sondern auch, warum der Mensch von Kunst fasziniert sei und Kunstwerke schaffe, um sich und andere amüsieren, schockieren und reizen zu können. Und weil die Menschen nicht nur Hunde und Alpakas durch selektive Paarung domestiziert hätten, sondern auch sich selbst, sei dieser Kunstinstinkt eine Eigenschaft, die sich als evolutionär von Vorteil erwiesen habe: mit dem Produzieren von Kunst zeige der Mensch möglichen Partnern seine körperliche und geistige Fitness. Ist dann aber Kunst nur für Künstler gut, die gewissermaßen mit ihrer Fähigkeit, so etwas zu schaffen, herumprotzen können? Und sollten Künsteler, entgegen ihrer oft zu hörenden Selbstbeschreibung als Kinder der Dekadenz, in Wahrheit Leistungssportler sein? Der Kunstinstinkt fordere, so Dutton, imaginative und intellektuelle Fähigkeiten, die in der Frühgeschichte einen klaren Überlebenswert darstellten. Dieser über Tausende von Generationen entwickelte Instinkt habe es schließlich Rembrandt ermöglicht, "Die Nachtwache" zu malen, und Proust, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu schreiben. Werke wie diese sind also nicht einfach schön oder erhaben, sondern prächtig aufgeschlagene Pfauenräder.

          Duttons Deutung, warum es Kunst gibt, beantwortet ihm auch die Frage, was Kunst eigentlich ist. Wie auch die menschliche Sprache tauche Kunst in den verschiedensten Kulturen auf. Über jegliche Grenzen hinweg gebe es ein universales Grundgefühl, aus dem heraus alle Menschen gleichermaßen beurteilen könnten, ob es sich bei einem Werk um ein Kunstwerk handelt oder nicht: das sei das Gefühl, das man spüre, wenn ein Werk Virtuosität und Individualität zum Ausdruck bringe.

          Was bedeutet ein solcher Einstieg in eine Darwinistische Ästhetik nun aber für die Theorie von Kunst? Dutton zeigt sich überzeugt, Darwin habe den Grundstein gelegt für das richtige Studium der Kunst, der man sich nicht als Kulturphänomen, sondern als Naturphänomen nähern müsse. Nur so seien die Künste als das zu begreifen, was sie wirklich sind, Welten des Imaginären. "The Art Instinct" ist insofern eine Streitschrift für eine alte These in einem neuen, noch etwas schlecht sitzenden Kostüm. Dutton liefert ein Pamphlet dafür, dass Kunst ihr Kunsthaftigkeit eben nicht aus den Problemen der Wirklichkeit beziehen sollte, weil ihr Ursprung eben ganz woanders liegt: "Kunst bietet Ekstase: sie führt uns aus uns selbst heraus, und deswegen zieht sie uns an." Die ästhetische Theorie könne dieser Erfahrung nur ein Handlanger sein; sie müsse sich unserer Zeit anpassen, nicht die Kunst. Bei so viel Evolution bleibt eine Frage offen: Entwickelt sich die Theorie der Kunst nicht auch - und nicht nur auf Darwin zu, sondern auch von ihm weg?

          MARA DELIUS

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