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Buchkritik: Max Beckmann & J. B. Neumann : Wir wollen New York!

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Der Maler und sein „Ur-Manager“: Ein verdienstvolles Buch erhellt das Verhältnis zwischen Max Beckmann und dem Händler J. B. Neumann.

          Ein großer Schmuser waren Sie immer und das sind Sie auch heute noch . . . das ist ja nett, aber damit kann man noch kein Stück Brod kaufen“, schrieb Ernst Ludwig Kirchner 1935 an J. B. Neumann. Ungeniert nannte er das Dilemma des außergewöhnlichen Kunsthändlers beim Namen, der für die Kunst sein Äußerstes gab, aber kein Händchen fürs Geschäftliche besaß. Das sympathische, für seine Künstler aber problematische Manko trägt Schuld daran, dass dieser Künder junger deutscher und europäischer Kunst, für die er sogar Amerika eroberte, immer wieder von Kollegen ausgebootet wurde.

          J. B. Neumann bereitete den Boden - Geld und Ruhm ernteten andere. In besonderem Maße gilt das im Fall von Max Beckmann. Neumanns Verhältnis zu Beckmann, seinem anspruchsvollsten Pferd im Stall, stellte das Geldthema wiederholt auf härteste Proben. Die beiden lernten sich kennen, als an einem Frühlingstag 1912 ein „germanischer Hüne“ das „Graphische Kabinett J. B. Neumann“ in Berlin betrat, um eine Munch-Ausstellung anzusehen. Es war der Beginn langjähriger, turbulenter Zusammenarbeit zwischen Beckmann und seinem „Ur-Manager“, der zum glühendsten Bewunderer des damals gänzlich unbekannten Malers wurde.

          Neumann schleust die Expressionisten in die Berliner Secession ein

          Jsrael Ber Neumann wurde 1887 in Galizien geboren; 1911 eröffnete der junge Mann seine Galerie mit Blättern von Karl Schmidt-Rottluff und Edvard Munch. Ohne Zweifel gehört er zu den großen Entdeckern und Förderern der frühen Avantgarde. Kaum ist er Geschäftsführer der Berliner Secession, die allmählich an „Arterienverkalkung“ litt, weil Paul Cassirer sie noch immer auf dem Pfad des Impressionismus lenkte, da schleust er - wie er selbst sagte, als „Trojanisches Pferd“ - die Expressionisten ein: Der Ex-Schauspielschüler Neumann initiiert Experimentaltheater und Musikveranstaltungen, auch der legendäre, erste große Dada-Abend von Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann und George Grosz findet 1919 in seiner Galerie statt.

          1923 wandert Neumann nach New York aus; nach der Gründung von Filialgalerien in Bremen, Düsseldorf und München will er seinen Schützlingen Amerika erobern. An der 57. Straße präsentiert „Jee Bee“ Munch, Schmidt-Rottluff, Kirchner, Rouault, Kandinsky oder Klee - und selbstverständlich Beckmann. Mit Vorträgen und anspruchsvollen Publikationen rührt er die Werbetrommel.

          Endlich erfährt Neumann angemessene Würdigung

          Mit Neumann startete „eine legendäre Ära des amerikanischen Kunsthandels“, das konstatieren Ursula Harter und Stephan von Wiese in ihrer kommentierten Edition von mehr als drei Jahrzehnten Korrespondenz zwischen Beckmann und J. B. Neumann, die das spannungsreiche Verhältnis zweier denkbar unterschiedlicher Persönlichkeiten spiegelt und dabei ein interessantes Kapitel Kunsthandelsgeschichte vertieft, in dem endlich J. B. Neumanns engagiertes Wirken angemessene Würdigung erfährt.

          Neumann hatte selbst zwei Anläufe unternommen, an ihn adressierte Briefe Beckmanns zu publizieren: Zunächst wollte er damit sein fünfzigjähriges Kunsthändler-Jubiläum feiern, dann berichtet er Quappi Beckmann 1961 von neuerlichen Buchplänen, über denen er aber im selben Jahr starb. Erst 1997 tauchten die damals ausgewählten Briefe völlig überraschend im Nachlass von Hans Maria Wingler auf: Der Gründungsdirektor des Bauhaus-Archivs hatte sich einen Namen als Rehabilitierer von emigrierten und als „entartet“ verfemten Künstlern gemacht und offenbar mit Neumann eine Briefedition in Planung. Abgesehen von wenigen, 2008 vom Beckmann-Archiv in München publizierten Auszügen, sind die entdeckten Schreiben nun erstmals vollständig nachzulesen.

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