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: Baugeschichte des Christentums

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Was den Bau repräsentativer Sakralbauten angeht, hat das europäische Christentum seine Mission erfüllt." So schreibt Johann Hinrich Claussen am Ende seines Streifzugs durch zweitausend Jahre Kirchenbau. Schade, denn damit unterschlägt er, dass neue Gotteshäuser zum Besten der hiesigen Gegenwartsarchitektur ...

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          Was den Bau repräsentativer Sakralbauten angeht, hat das europäische Christentum seine Mission erfüllt." So schreibt Johann Hinrich Claussen am Ende seines Streifzugs durch zweitausend Jahre Kirchenbau. Schade, denn damit unterschlägt er, dass neue Gotteshäuser zum Besten der hiesigen Gegenwartsarchitektur zählen - Peter Zumthors wie ein Riff des Glaubens geformte Bruder-Klaus-Kapelle (2007) zum Beispiel, oder der wie ein Sakraments-Schrein schimmernde Beton-Glas-Kubus der Herz-Jesu-Kirche (2000) in Neuhausen vom Architektenbüro Allmann, Sattler und Wappner. Doch wenn Claussen gleich darauf den nordamerikanischen TV-Protestantismus unverblümt "die wohl geschmackloseste Gestalt der Christentumsgeschichte" nennt, ist man ausgesöhnt: Wie hier, so im ganzen Buch, scheut der Hamburger Pastor, Propst und Privatdozent klare Worte nicht - da schrumpft ein Fehlurteil wie das zitierte zum Lapsus.

          Claussens kategorisches Nein zur Zukunft des europäischen Kirchenbaus beruht nicht auf Ressentiments gegen die Moderne. Im Gegenteil. Sein Kapitel über Oscar Niemeyers grandiose Kathedrale (1958-1977) von Brasilia weitet sich aus zur respektvollen Analyse der Moderne und ihrer Sakralarchitektur, einen mild ironischen Seitenhieb gegen blumige Architekturkritik inbegriffen: Erst assoziiert er das Bauwerk mit "einem Zelt, einer Feuerflamme oder Dornenkrone, einem Abendmahlskelch, intergalaktischen Satelliten, umgedrehten Blütenkelch oder Ährenbündel", dann zitiert er Niemeyer: "Ich wollte nur den Ausdruck des Aufstrebens. Picasso hat mal gesagt, neunzig Prozent von dem, was die Kritiker über seine Sachen schreiben, ist reine Erfindung."

          Von Erfindungen berichtet auch Claussen. Zum Beispiel, wenn es um die Urbauten sakraler Repräsentation geht, die dreihundert nach Christus den unscheinbaren Hauskirchen folgten: Die oktogonale, im Lauf der Jahrhunderte unzählige Male kopierte Grabeskirche zu Jerusalem steht auf ideologischem Fundament, der Legende nämlich von der Kreuzes-Auffindung durch Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, der das Christentum zur Staatsreligion machte. Der achteckige Kuppelbau sowie die Basilika, die sie und ihr Sohn über der mutmaßlichen Kreuzigungs- und Begräbnisstätte Christi errichteten, wurden zu Wunderpalästen des Glaubens.

          Wie beide Großformen, zuvor Inbegriff imperialer Macht, in Bauten wie der Hagia Sophia, dem Speyerer Dom, der Kathedrale von Reims, dem Petersdom und der Dresdner Frauenkirche zu neuen und doch traditionsgebundenen Formen mutierten, erläutert der Autor ebenso präzise wie die jeweiligen Entstehungsbedingungen, hinzutretenden Funktionen und neuen Glaubensinhalte, die in ihnen Gestalt wurden. Religions-, Sozial- und Baugeschichte verknüpfend, kann der Autor am Ende mit Fug und Recht sagen, jede Kirchenarchitektur bezeuge, "wie schön der Glaube und wie schrecklich die Kirche sein kann, zu welchen Leistungen und zu welchen Verbrechen Christen in der Lage sind, (und) wie in all dem Gott anwesend und abwesend ist".

          Johann Hinrich Claussen: "Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen". Vom frühen Christentum bis heute. Verlag C.H. Beck, München 2010. 288 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

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