https://www.faz.net/-gqz-9ydim

Kunstausverkauf in England : Familiensilber verscherbeln

Umstrittener Verkauf: Viertausend Jahre alte ägyptische Kalksteinfigur des Aufsehers der Schreiber mit seiner schönen Frau für vierzehn Millionen Pfund bei Christie’s Bild: AFP

Nicht nur beim britischen Adel gilt: Wenn die Kassen leer sind, ist die Kunst meist zuerst entbehrlich. Auch städtische Sammlungen bangen um ihre Werke.

          2 Min.

          Wenn das Schlossdach leckt, greift der Adel auf das Familiensilber zurück, wie das Kunstvermächtnis umschrieben wird. So viele Auktionen sind schon mit der Instandhaltung des Dachs begründet worden. Der Begriff steht für die Notwendigkeit, Liquidität zu gewinnen für die Pflege des Erbes. In den letzten Jahren haben finanzielle Engpässe britische Gemeindeverwaltungen zunehmend veranlasst, Kunstwerke aus den städtischen Sammlungen zu veräußern, nicht nur um die kommunal getragenen Museen über Wasser zu halten, sondern auch um andere Löcher zu stopfen. Das Argument dafür lautet: Was nutzt der Gemeinde ein Renoir, ein Picasso oder ein Hockney, wenn essentielle Leistungen nicht erfüllt werden können und der Unterhalt von Sammlungen, von denen nur ein Bruchteil zu sehen ist, die Kassen zusätzlich belastet.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Seit der Wirtschaftskrise von 2008 haben die Kommunen von der Zentralregierung Etatkürzungen von bis zu vierzig Prozent hinnehmen müssen. Die vielfach als der entbehrlichste Sektor betrachtete Kultur ist von diesem Sparkurs besonders betroffen. Die „Sunday Times“ hat jetzt ermittelt, dass städtische Behörden in den vergangenen zehn Jahren 2280 Kunstgegenstände mit einem Gesamtwert von mehr als 27 Millionen Pfund veräußert haben. Der Erlös ist an städtische Einrichtungen geflossen, dazu gehören neue Bibliotheken und Alterspflegeheime. Nun geht die Sorge um, dass die zu erwartenden Nöte nach der Corona-Krise die Integrität der Kunstsammlungen weiter beeinträchtigen könnten, sei es durch Museumsschließungen oder umstrittene Verkäufe.

          Der Stadtrat findet das Bild hässlich

          Vor sechs Jahren gab es einen Aufruhr, als der Distrikt Northampton eine altägyptische Figur des königlichen Schreibers Sekhemka bei Christie’s versteigern ließ. Die Schenkung aus dem späten 19. Jahrhundert erzielte mit fast sechzehn Millionen Pfund den damaligen Rekordpreis für eine ägyptische Antike. Der Südlondoner Stadtteil Croydon erregte ähnliche Empörung mit dem Verkauf von 24 Ming-Vasen, die ihm ein Sammler 1959 vermacht hatte. Ginge es nach einem liberaldemokratischen Stadtrat von Leicester, würde das Museum einen liegenden Akt von Francis Bacon aus dem Jahr 1959 veräußern, um Sozialwohnungen zu bauen. Der Stadtrat findet das Bild hässlich und meint, es gebe nicht viele in Leicester, die ihm widersprechen würden. Wenn die Stadt einen Henry Moore besäße, würde er anders denken, sagte er, als er den Antrag Ende vorigen Jahres stellte. Doch an Bacon beunruhige ihn, dass „der Stil sehr eigen ist und leicht aus der Mode kommen könnte“. Sein Vorstoß scheiterte nicht zuletzt, weil das Gemälde von Bacon 1960 mit Hilfe von öffentlichen Geldern erworben wurde.

          Im Verwaltungsbezirk Kirklees in Yorkshire gab es einen ähnlichen Fall: Dort stellte der Bürgermeister in einem Tweet zur Debatte, ob es nicht vernünftiger wäre, ein Gemälde von Bacon, das einem städtischen Museum 1952 geschenkt wurde, zu verkaufen und den Ertrag für andere Zwecke einzusetzen, statt allein für die Versicherung Tausende von Pfund im Jahr aufbringen zu müssen: „Wenn ich ein Banause wäre, würde ich die Kosten der Betreuung eines Stücks kolorierter Leinwand mit der Fürsorge für einen älteren Bewohner mit Demenz vergleichen.“ Die Debatte erwies sich als müßig. Denn die Schenkung war mit dem Recht auf Widerruf im Falle eines Verkaufs verknüpft. Der Bürgermeister fand – wie der Stadtrat in Leicester – viel Zuspruch mit seiner Anregung. Aber auch heftige Widerrede von Bürgern, die darauf hinwiesen, dass der Wert von Kunst nicht nur mit Geld gemessen werden könne.

          Weitere Themen

          Nostalgische Tweetparade

          „Listening Parties“ : Nostalgische Tweetparade

          Der Musiker Tim Burgess feiert auf Twitter alte Platten und lädt die Popstars dazu ein, die ihre Geheimnisse verraten. Den klassischen Popjournalismus lässt das alt aussehen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.