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Kunst- und Antiquitätenwochen : Vom Wert der Beständigkeit

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580.000 Euro bei Senger: Lucas Cranach der Ältere und Werkstatt, „Herzog Heinrich der Fromme“, um 1534, Öl auf Holz, 20 mal 15 Zentimeter Bild: Senger Bamberg Kunsthandel

Auf den Kunst- und Antiquitätenwochen in Bamberg präsentieren Händler ihre besten Objekte – und haben Rat für Sammler parat.

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          Bei 39 Grad Celsius freut man sich über die Kühle tiefer gotischer Keller. Wenn solche auch noch wunderbare Dingen bergen, hielte man sich gerne über Stunden dort auf. Aber auch die Runde durch die oberirdischen Geschäftsräume der Bamberger Kunsthändler gestaltet sich dank ihrer schönen und Hitze abhaltenden Altstadtgemäuer angenehm. Zum 27. Mal finden die Kunst- und Antiquitätenwochen statt, wieder zeitgleich mit den Wagner-Festspielen im benachbarten Bayreuth. Bamberg gilt als Knotenpunkt des Handels mit Alter Kunst. Nach der wichtigsten Messe der Branche, The European Fine Art Fair (TEFAF) in Maastricht, machen gemischte Nachrichten über Umsätze dort die Runde. Die Bamberger Firma Senger hatte Glück, sie verkaufte zehn Skulpturen auf der TEFAF, sagt ihr Geschäftsführer Thomas Herzog.

          Wozu rät er Menschen, die in diesen unsicheren Zeiten in Kunst investieren wollen? „Man sollte grundsätzlich nur kaufen, was einem wirklich gefällt“, lautet Herzogs Faustregel. Wertbeständigkeit aber sei am ehesten bei Spitzenstücken zu erwarten, weshalb Hochpreisiges gefragt bleibe. Das Geschehen auf dem Auktionsmarkt bestätigt das. Einen zarten Erholungstrend beobachtet Senger bei Biedermeiermöbeln. Ernsthaftes Interesse verbucht der Kunsthandel für Lucas Cranachs Bildnis Heinrichs des Frommen, das den Sachsen-Herzog in Rüstung, mit Geheimratsecken und dickem Bart zeigt und vielleicht als Werkstattmuster für eine im Zweiten Weltkrieg zerstörte größere Fassung von 1537 diente. 580.000 Euro kostet die nun angebotene Tafel.

          36.600 Euro bei Franke: Adam Lenck­hardt zugeschrieben, „Venus und Cupido“, 17. Jahrhundert, Elfenbein, Höhe 31,5 Zentimeter
          36.600 Euro bei Franke: Adam Lenck­hardt zugeschrieben, „Venus und Cupido“, 17. Jahrhundert, Elfenbein, Höhe 31,5 Zentimeter : Bild: Franke

          Sengers Ruf als erstklassige Adresse für Skulpturen bestätigen himmlische Heerscharen, darunter eine ergreifende gotische Pietà des Meisters von Eriskirch am Bodensee (185.000 Euro) oder ein um 1540/60 in Brabant aus Nussbaumholz geschnitzter Heiliger Christophorus, der tapfer seine göttliche Last durchs Wasser trägt (48.000). Dazu werden Gemälde, Silber, Fayencen, Möbelkunst offeriert, ein Sortiment, wie es auch von den Generalisten Christian Eduard Franke und Christoph von Seckendorff präsentiert wird. „Nur das Beste“ lautet ihr Rat auf die Frage nach zukunftsträchtigen Investitionen und: „Dinge, die aus dem Üblichen herausfallen“. Dazu darf „Venus und Cupido“ zählen, eine Adam Lenckhardt zugeschriebene Elfenbeinschnitzerei des 17. Jahrhunderts (36.600).

          Ehemals teuer erworben, halten Allerwelts-Barockkommoden momentan weiter Abwärtskurs, während ein aus üppigem vergoldetem Muschel- und Blattwerk sich luftig aufbauender Konsoltisch „au dragon“ – der geflügelte Drache ruht friedlich auf dem Mittelsteg der Beine –, eine exquisite Schnitzarbeit des Louis XV. von etwa 1735, ihren Preis von 86.000 Euro bei Franke lange wert bleiben dürfte. Von edler Provenienz zeugt ein großes Meissner Leuchterpaar, das August III. von Sachsen seiner Schwiegermutter, der Kaiserinwitwe Wilhelmine Amalie, verehrte. Weitere drei Paare des mit Wappen und Goldornamenten ausstaffierten Sets bewahrt ein Wiener Museum (164.000).

          185.000 Euro bei Senger: Meister von Eriskirch, gotische Pietà, Lindenholz, um 1420-1430,  90 Zentimeter hoch
          185.000 Euro bei Senger: Meister von Eriskirch, gotische Pietà, Lindenholz, um 1420-1430, 90 Zentimeter hoch : Bild: Senger Bamberg Kunsthandel

          Franke nimmt nicht an der TEFAF teil; er setzt auf kleinere Messen und das Ladengeschäft, wo auf großer Fläche gelungene Arrangements die Lust auf den Besitz schöner Dinge anfeuern, und er setzt auf alljährlich in großer Stückzahl produzierte, aufwendig gestaltete Kataloge. Darin einen mächtigen Frankfurter Hallenschrank aufzunehmen, findet er selbst zu Recht mutig. Denn Platz im Haus für solche Stücke hat kaum noch jemand, aber die außergewöhnliche Qualität des in wertvollem Maserholz querfurnierten, mit kräftigen Wellen gebauten Möbels wird seinen Käufer finden, so Franke, auch wenn das seine Zeit dauern mag.

          Stets auf Nachschubsuche dürften die Bamberger Händler auch das Kunstauktionshaus Schlosser frequentieren, dessen barockes Bibra-Palais in der Karolinenstraße allein schon den Besuch wert ist. Am 29. und 30. Juli werden dort 1500 Lose an Kunst und Antiquitäten aus fünf Jahrhunderten versteigert. Ein Glanzlicht setzt ein fast lebensgroßer romanischer Christuskorpus aus Um­brien (Taxe 25.000 Euro). Ein paar Schritte weiter steht in Matthias Wenzels Kunsthandlung ein stattlicher eichener Adler. Auf seinem Rücken hat sich eine eiserne Buchhalterung erhalten, denn wie die Inschrift „Jean Le Lev“ („Jean l’évangéliste“) bestätigt, handelt es sich um ein Evangelienbuchpult. Es könnte um 1500 in Brüssel geschaffen worden sein.

          Bei Wenzel, der ebenfalls für alle Sparten offen ist, gehören Skulpturen zu den Hauptakteuren. Da bläst ein niedlicher österreichischer Barockengel die Schalmei (6300), und eine erlesene spätgotische Heilige Barbara zeigt statt eines Turms hier Kelch und Schwert als Attribute (83.000). Im „Haus zum Roten Hahn“ von 1340, das im vergangenen Jahr fast leer sich selbst und die bewundernswerte achtjährige Renovierungsarbeit des Ehepaars Schmidt-Felderhoff herzeigte, stehen nun Objekte wie ein französisches Armsesselpaar bereit, dessen kunstvoll restaurierte Bezüge Fabeln La Fontaines schmücken (25.000).

          Im Silber Kontor von Julia Heiss in der Dominikanerstraße gibt es englische Gewürzschälchen mit Deckel und Löffelchen schon ab 160 Euro; doch konzentriert die Händlerin ihre Expertise vor allem auf neueres dänisches Silber wie ein elegant kantiges Kaffeeservice, entworfen in den Fünfzigerjahren von Hans Bunde für Cohr. An heißen Tagen schmecken Wasser, Weißwein und Champagner besonders gut aus dem Edelmetall, da trifft es sich gut, dass das Silber Kontor eine große Auswahl bereithält.

          Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen, bis 22. August, Informationen auf www.bamberger-antiquitaeten.de

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