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Kunst und Antiquitäten : Vielleicht steht irgendwo ein neuer Tretjakow: Die Moscow World Fine Art Fair

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Die dritte Ausgabe der Moscow World Fine Art Fair füllt die klassizistische Manege gleich neben dem Kreml mit zwei Etagen Schönheit und Luxus: Die obere gehört Kunst und Antiquitäten von der Antike bis heute; unten glitzern Edelstein und Hochkarat.

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          Die Tretjakow-Galerie in Moskau, die bedeutendste Sammlung russischer Kunst, feiert in diesen Tagen ihr hundertfünfzigjähriges Jubiläum. Und Sammler wie den Geschäftsmann Pawel Tretjakow, der im 19. Jahrhundert Tausende Werke von zeitgenössischen russischen Künstlern kaufte, wünscht man sich ohne Zweifel auf den beiden Messen, die Moskau in diesem Tretjakow-Mai mit geballter Ladung Kunst verwöhnen.

          Beide hinterlassen jedenfalls den Eindruck, daß die Russen sowohl bei alter wie bei aktueller Kunst ungebrochen Werke aus der Heimat favorisieren. Nur acht Monate nach der Moscow World Fine Art Fair 2005 findet die Ausgabe 2006 statt, die dritte in Folge. Die Verlegung aufs Frühjahr, in direktem Anschluß an die Moderne-Messe Art Moskau, soll auswärtigen Ausstellern und Besuchern die Chance geben, gleich beide Veranstaltungen mitzunehmen.

          Wie im September füllt die Schau die klassizistische Manege gleich neben dem Kreml mit zwei Etagen Schönheit und Luxus: Die obere gehört Kunst und Antiquitäten von der Antike bis heute; unten glitzern Edelstein und Hochkarat, die Cartier, Bulgari, van Cleef und Kollegen in den tiefen Dekolletés bildschöner Wesen anschaulich probehängen.

          Aus dem Besitz Mazarins

          Ob das Frühjahr die richtige Entscheidung war, muß man sehen: Das Ausbleiben namhafter „global players“ wie Marlborough, Krugier, Feigen oder Nahmad, die im September Glanz verbreiteten, könnte auf ungünstiger Nähe zur Art Basel beruhen. Vielleicht hatten sie aber einfach nur keine Lust, sich mit unberechenbaren Faktoren bei der Zollabwicklung und abschreckend hoher Steuerbelastung der Käufer herumzuschlagen.

          Wiedergekommen ist Maison d'Art aus Monaco, „weil ich gut verkauft habe“, sagt Direktorin Marietta Vinci-Corsini, „ich bin doch keine Masochistin“. Neben einer Heiligen Familie von Simon Vouet, die einst Kardinal Mazarin gehörte (500 000 Dollar), hängte sie ihren El Greco, das innige Bildnis des dornengekrönten Christus, das „mehr als eine Million Dollar“ kostet. Wieder dabei ist auch die Pariser Galerie Ratton-Ladière, im Gepäck ein prächtiges kniendes Kamelpaar, um 1500 in China in Stein gehauen (1,2 Millionen Euro).

          Am Nachbarstand, bei Cazeau-Béraudière, prangt ein großartiges rotgewandetes „Enfant de Choeur“ von Chaim Soutine: Russen wie er, die im europäischen Ausland die Moderne pinselführend vorantrieben, beherrschen das Toplevel des Angebots. Die Galerie du XXème siècle reagierte auch darin flexibel auf Erfahrungen: Sehr teure Bilder, große Chagalls etwa, blieben zu Hause am Faubourg Saint-Honoré, lieber setzte man auf kleinere Juwelen wie Kandinskys 1903 getupfte „Straße in Murnau“ (330 000 Euro).

          Zar Alexanders Schreibmöbel

          Genf als Sitz des Erfinders und Präsidenten dieser Messe Yves Bouvier erklärt den hohen Anteil frankophoner Händler, die sich die Halle mit einer deutlich gestiegenen Zahl russischer Kollegen teilen. Noch staffieren die ihre Stände zwar nicht mit kompletten Rokoko-Boiserien wie Steinitz aus Paris, doch elegante Salons füllen auch sie. Fast gerührt hört man, daß die Moskauer Galerie Akant sich vom hübschen kleinen Schreibmöbel, das Zar Alexander III. für den blauen Salon im Petersburger Anchikov-Palast bestellte, lieber noch nicht trennen möchte.

          Kurios wirken gar nicht so seltene Abstecher zu einem sozialismusfreien Realismus, der parallel, aber unbeachtet zur propagandistischen Version und bis in die jüngere Zeit hinein entstand. Den konträren Trend beobachtet die auf russische Klassische Moderne spezialisierte Pariser Galerie Minotaure: „Man hat hier schnell gelernt“, heißt es dort, „abstrakte Kunst ist kein Problem mehr“; also hängte man zu Eisenmöbeln von Diego Giacometti Poliakoff, Sonja Delaunay und den diesmal allgegenwärtigen André Lanskoy.

          Pädagogisch wertvoll

          Die Erfahrungen bei aktueller Kunst sind andere. Die Kojen Moskauer Topgalerien wie Stella, Aidan, Regina, oder XL, die diesmal die Fine Art Fair kräftig verjüngen, bersten vor figurativer russischer Kunst, die westlichen Augen vielfach laut, bemüht originell und sexbetont erscheint. Auf der Art Moskau sammelten solche Eye-catcher in den Tagen zuvor rote Punkte en masse. Dazu paßte, daß die Moskauer Galerie Gary Tatintsian Verkäufe von Werken Damian Hirsts und der Chapman- Brüder meldete. Ausländische Teilnehmer - zu zehnt rückten etwa Galerien aus Nordrhein-Westfalen auf der Art Moskau im Rahmen eines Förderprogramms an - hatten es teils mit gegenstandsloser Kunst versucht, was pädagogisch wertvoll, aber reichlich erfolglos ausging.

          Daß der Rubel nicht recht rollen wollte, erklärt Karin Sachs aus München mit der Fixierung der überaus kaufstarken „Oligarchen“ auf ihre Moskauer Galerien: „Beziehungen sind hier noch wichtiger als irgendwo sonst“, bestätigt Volker Diehl aus Berlin; er kam bereits zum neunten Mal - auch weil er das Rußland liebt, das in der nach Wirtschaftsskandalen lechzenden Westpresse nicht auftaucht. Das russische Publikum ist schaulustig, erfrischend neugierig und hochinteressiert. Von den endlosen Schlangen vor den Messen genauso wie vor den Tretjakow-Galerien kann man im Westen nur träumen - und wer weiß, vielleicht stehen zukünftige Pawel Tretjakows dazwischen.

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