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Kunst nach 1945 : Als der Handel wieder begann

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Schaufenster der Galerie Rosen, Kurfürstendamm, Berlin, Herbst 1945 Bild: Elsa Franke/Archiv Heinz Trökes, Berlin

Nach dem Ende des Krieges: Vor 75 Jahren wagen die ersten Galerien den Neustart in Deutschland.

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          Gab es im Kunsthandel eine „Stunde Null“? Zumindest wurde der Neubeginn des Ausstellens und Handels mit zeitgenössischer bildender Kunst von den Beteiligten so empfunden, und erstaunlicherweise begannen Händlerinnen und Händler wie Gerd Rosen in Berlin, Erich Mueller-Kraus oder Hein Stünke in Köln, Gottfried Sello in Hamburg und Hella Nebelung in Düsseldorf bereits 1945 mit ihren – zunächst meist provisorischen – Galerien, bevor 1946 auch Günter Franke in München, Alex Vömel in Düsseldorf oder Aenne Abels in Köln ihre Galerien eröffneten und sich zu den großen Namen des Nachkriegskunsthandels in der frühen Bundesrepublik entwickelten. „Wer mochte, als wir aus den Kellern stiegen, überhaupt an Kunst denken“, erinnerte sich der 1930 geborene Kunsthistoriker Diether Schmid an seine Jugend im kriegszerstörten Berlin: „Zunächst einmal hatte jeder mit sich selbst zu tun und das Überleben des nächsten Tages zu erkämpfen. Dann entstand aus diesem Magenhunger doch allmählich ein unstillbarer geistiger Hunger.“

          Die Erinnerungen an den Neubeginn lesen sich wie Berichte von Pioniertagen und -taten. Während Gerd Rosen, mit dem Maler Heinz Trökes als künstlerischem Leiter, bereits im August 1945 in einem ehemaligen Textilgeschäft am Kurfürstendamm seine legendäre Galerie eröffnen konnte, erfolgten die Gründungen in Köln, Hamburg und Düsseldorf im Dezember des Jahres. In Köln starteten im selben Monat der Maler Erich Mueller-Kraus und das Ehepaar Eva und Hein Stünke ihre Galerietätigkeit. Mueller-Kraus eröffnete seine „moderne galerie“ in seiner Wohnung in der Gustav-Nachtigal-Straße in Köln-Nippes. „Die Einladungen schnitt er in Holz und druckte sie von Hand“, erinnerte sich der Maler K. O. Götz. Der Sammler Josef Haubrich und seine Frau Paula gehörten zu den ersten Besuchern der ungeheizten Galerie, die durch ihren Namen und die konsequente Kleinschreibung ihre Ausrichtung auf die Moderne unmittelbar deutlich machte. Zu den von ihr vertretenen Künstlern gehörten die Maler und Freunde der „Kölner Progressiven“ wie Jankel Adler, Gerd Arntz, Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert, die Mueller-Kraus vor dem Krieg in Köln kennengelernt hatte, ebenso wie Karl Schmidt-Rottluff, Otto Pankok, Willi Baumeister, Fritz Winter oder Max Ackermann. Während Mueller-Kraus heute weitgehend vergessen ist, gelang es Eva und Hein Stünke, sich mit ihrer ebenfalls im Dezember 1945 eröffneten Galerie „Der Spiegel“ als Pioniere im rheinischen Kunsthandel der Moderne zu etablieren. Bevor sie ihre Kunsthandlung 1949 in die Richartzstraße im Kölner Zentrum verlegen konnten, hatten sie im rechtsrheinischen Köln-Deutz begonnen: „Die Treppen lagen unter freiem Himmel und die Stufen bedeckte der Schnee. Die Vertreter der Industrie- und Handelskammer, die nicht glauben wollten, daß es möglich sei, in der Trümmerwüste von Köln Kunstwerke anzubieten und zu verkaufen, stiegen die Treppen hinauf, kauften Aquarelle und vermittelten uns den Gewerbeschein, das letzte von Dutzenden von Papieren, die für diese Eröffnung nötig waren.“

          Ähnlich liest sich der Rückblick auf den Neubeginn des Handels mit moderner Kunst in Hamburg: Hier hatten der Jurist und Kunsthistoriker Gottfried Sello und seine Frau Ingeborg im Dezember 1945 im Dachgeschoss des ehemaligen Karstadt-Gebäudes an der Steinstraße, das seit 1936 als Finanzamt diente, die „Galerie der Jugend“ eröffnet und zeigten Arbeiten vor allem von Künstlern der Klassischen Moderne in Deutschland, unter anderem von Ernst Barlach, Walter Gramatté, Karl Hofer, Otto Mueller, Max Pechstein oder Erich Heckel, dem das Ehepaar Sello 1947 eine Einzelausstellung mit kleinem Katalog widmen konnte.

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