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Kunst kopieren, ganz legal : Leonardos Gioconda für ein paar hundert Euro

Was ist eine „originale Kopie“? Das ist eben keine Fälschung. Zwei Gemäldekopisten erzählen von ihrem aufwendigen Handwerk in Deutschland und die Konkurrenz in China.

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          Vermeers „Mädchen mit der Perle“ kostet 119,01 Euro, Van Goghs „Sternennacht über der Rhone“ ist für 169 Euro zu haben, auch die „Mona Lisa“ zählt mit 149 Euro zu den Schnäppchen - und das nicht als Poster oder Leinwanddruck, sondern als Original. Genauer gesagt: als originale Kopie. Handgemalt in Öl auf Leinwand, auf Wunsch auch mit Craquelé, jenen feinen Rissen, die Gemälde erst nach Jahrhunderten entwickeln.

          Die meisten Kopien stammen aus China

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das alles ist nur ein paar Mausklicks entfernt. Wer „Gemäldekopie“ in die Maske einer Suchmaschine eingibt, dem spuckt sie zahlreiche Online-Shops entgegen mit „handgemalten Künstlerkopien in Museumsqualität“ oder „Reproduktionen Alter Meister, vom Original kaum zu unterscheiden“. Richtig ins Geld geht dabei nur der Rahmen, für einen vergoldeten bezahlt man leicht das Zehnfache dessen, was die „künstlerisch hochwertigen Unikate“ kosten.

          Die meisten dieser Kopien stammen aus China. In einem Stadtteil von Shenzhen, nicht weit von Hongkong, reproduzieren Tausende von Malern europäische Meisterwerke, im Akkord und im Fließbandverfahren. Einer malt den Hintergrund, der nächste die Gesichter, und zum Schluss verfeinert ein ausgebildeter Kunstmaler das Werk mit wenigen Pinselstrichen: Mehr als fünf Millionen Gemälde soll das Dorf jedes Jahr exportieren.

          Aber es gibt auch in Deutschland Gemäldekopisten. Es sind nicht viele, mehr als eine Handvoll Aufträge im Jahr erhalten sie kaum. Die wenigstens betreiben das Kopieren im Hauptberuf, sie runden ihr Einkommen als freier bildender Künstler oder als Restaurator damit auf. So macht es zum Beispiel John Vere-Hodge. Wer ihm beim Arbeiten zusehen will, muss ins oberbayerische Maisach kommen, das Gewerbegebiet durchqueren und irgendwann rechts abfahren. In einem baufälligen Hinterhaus liegt das winzige Atelier des gebürtigen Engländers, der einen Münchner Kunstverlag mit Kopien Alter Meister beliefert.

          Schicht für Schicht wird aufgetragen

          In der Werkstatt von Vere-Hodge riecht es nach Terpentin und Malharzen, die er auf einem mühsam gegen die Kälte anfauchenden Gasofen glimmen lässt. Skizzen nach Gauguin, Rembrandt und Dalí hängen zwischen Schraubzwingen und Sägen an den Wänden, auf dem Tisch drängen sich Pinsel, Pigmente und alle möglichen Lösungen in Schraubgläsern. Vere-Hodge ist ausgebildeter Restaurator und hat in London an einer Kunstakademie studiert. Eigentlich fertigt er Skulpturen aus venezianischem Papier oder restauriert Fresken. Aber wenn ein Auftrag kommt - ein holländisches Blumenstillleben zu kopieren oder das Biedermeier-Porträt eines Vorfahren, um das zwei Erben sich streiten -, kauft er wieder paketweise Quark für die Kasein-Farben, kocht Lederleim und verseift Öl, besorgt sich eine vernünftige Vorlage oder holt sich das Original ins Atelier.

          “Leute, die billige Kopien kaufen wollen, sollen sie kaufen“, sagt Vere-Hodge. Aber der Fehler der Billigkopisten sei es, dass sie gleich ein fertiges Bild malten. Wie man es seiner Ansicht nach richtig macht, demonstriert er an einer „Mona Lisa“, nämlich Schicht für Schicht, jede eigens angerührt: Vorleimung, Kreidegrund, viele Lasuren Ölfarbe, wobei Vere-Hodge auf Öltempera setzt, Zwischenfirnis für das Craquelé, wieder Farbe, zum Schluss eine Fixierung - bei Vere-Hodge kommt nichts aus der Tube wie bei den Chinesen.

          Eine Kopie ist keine Fälschung

          Kopien wollen eben keine Fälschung sein, deshalb übertreibt er es auch nicht mit der Originaltreue. Bilder von Künstlern, die noch nicht länger als siebzig Jahre tot sind, unterliegen ohnehin dem Urheberrecht und dürfen nicht kopiert werden. Und damit die Duplikate der Alten Meister nicht von einem unbedarften Händler für bisher unentdeckte Meisterwerke gehalten werden, lässt Vere-Hodge die Signatur des Künstlers weg und kennzeichnet die Repliken auf der Rückseite.

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