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Kunst als Hilfe : In sieben Minuten war alles verkauft!

Mit einer Uhr von Immendorff fing alles an: Die Düsseldorfer Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“ verkauft Kunst für gute Zwecke. Gerhard Richter ist nur ein Erfolgsgarant.

          Meistens geht es schnell, sehr schnell. Wer ohne Umschweife zum Telefonhörer greift, hat beste Chancen. Sieben Minuten, danach kann es schon zu spät sein. So lange hat es gedauert, bis „Die Kerze“ von Gerhard Richter, eine Offset-Edition der Tate Modern (nach dem Original), von dem die Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“ in Düsseldorf zehn handsignierte Exemplare im Angebot hatte, ausverkauft war. Für 14.800 Euro das Stück. Das war im Juni, eine Spende des Künstlers selbst, 36 Blätter insgesamt, „direkt aus dem Atelier“. Sieben Minuten, Rekord.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch in der vergangenen Woche brachte „fiftyfifty“ mehrere Arbeiten von Gerhard Richter auf den Markt, diesmal hatte ein Sammler das Konvolut zur Verfügung gestellt. Raritäten alle drei: Der Offsetdruck „Teneriffa“ (1971), ein Ausstellungsplakat, 62,6 mal 81 Zentimeter, das auf eine zwei Jahre zuvor entstandene Fotografie zurückgeht, für 5400 Euro; die Kleinplastik „Prisma“ (2002), von der achtzig Exemplare für Deutsche Guggenheim hergestellt wurden, für 3200 Euro; und „Kanarische LandschaftenI“ (1971), eine Mappe von sechs, ebenfalls nach Fotos des Künstlers entstandenen Heliogravüren, für je 3000 Euro.

          Und auch hier ging es schnell, aber es waren noch Exemplare zu haben. Davor war eine Fotografie von Candida Höfer, Bibliotheksbild „ASN 2009/12“, herausgekommen, achtzig der hundert Exemplare zählenden Auflage gingen an „fiftyfifty“. Auch davon sind noch Abzüge zu haben: Der Einführungspreis beträgt tausend Euro.

          Gerhard Richter ist wie auf dem „richtigen“ Kunstmarkt auch bei „fiftyfifty“ der gefragteste Künstler - und einer der teuersten: 22.000 Euro kostet, inklusive Rahmen, „Mutter und Kind“. Zu haben ist der Druck schon lange nicht mehr, „leider vergriffen“, steht neben der Anzeige. Das gilt überhaupt für die meisten Werke, nur solche von weniger bekannten Künstlern oder hohe Auflagen bleiben länger vorrätig.

          Mehr als siebzig Namen - von Alt, Otmar bis Zangs, Herbert - umfasst die Galerie von „fiftyfifty“, zur Kunstakademie Düsseldorf bestehen zahlreiche Kontakte: Jörg Immendorff, Thomas Ruff und Günther Uecker gehören zu den Unterstützern der ersten Stunde, auch Bernd Becher, Tony Cragg, Andreas Gursky, Markus Lüpertz, Thomas Schütte und Rosemarie Trockel haben Werke gespendet. Verkauft werden sie zu Festpreisen übers Internet.

          Mit dem verstorbenen Künstler Immendorff hat das einmalige Geschäftsmodell 1995 begonnen. Doch kein Bild, eine Uhr stand am Anfang: Als ihm der Hersteller eines Modells, das der Künstler „für gute Zwecke“ entworfen hatte, die ganze Auflage von 1999 Exemplaren anbot, griff Matthäus Werner von der Ordensgemeinschaft der Armen Brüder des Heiligen Franziskus zu. Nach knapp drei Monaten hatte er alle verkauft. Von den 130 Mark, die jede Uhr kostete, ging die Hälfte an die Obdachlosenhilfe, die sein Orden in Düsseldorf betreut.

          Die Generalprobe war bestanden, nur dass sich Bruder Matthäus und Hubert Ostendorf, der kurz zuvor die Obdachlosenzeitung „fiftyfifty“ - die eine Hälfte des Kaufpreises für den Verlag, die andere für den Verkäufer - gegründet hatte, sich auf Kunst verlegten: Immendorffs „Oskar für Obdachlose“, ein fünfzehn Zentimeter großer Affe aus Bronze, der statt eines Pinsels eine Maurerkelle schwingt, wurde zur Emblemfigur. Noch im gleichen Jahr eröffnete fiftyfifty eine eigene Galerie, nicht in Zentrums- und Akademienähe, sondern im Arbeitervorort Eller, wo auch die Redaktion von fiftyfifty sitzt.

          Die Vernissagen haben dennoch Zulauf, zwei- bis dreihundert Leute kommen immer. Denn die Zahl der Künstler, die sich beteiligen, ist schnell gewachsen, hier dabei zu sein ist auch gut fürs Image. Doch Hubert Ostendorf nimmt nicht jeden, sein erstes Kriterium ist Qualität. Andererseits ist er sich nicht zu schade, auf Künstler zuzugehen: „Wir sind hartnäckig und geschult“, sagt er augenzwinkernd, vier Jahre habe es gedauert, bis Rosemarie Trockel, zehn, bis Gerhard Richter gewonnen war. Die Preise richtet Ostendorf am Markt aus: „Günther Uecker sagt immer, ich solle seinen Galeristen fragen.“ Auch Museen und Unternehmen, die Kunst sammeln, gehören zum Kundenkreis.

          Die Verkaufserlöse fließen ohne Abzüge an die Obdachlosenhilfe, zu mehr als neunzig Prozent in Bauprojekte; die Betriebs- und Bürokosten laufen bei dem Straßenmagazin fiftyfifty mit, die mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren die größte ihrer Art in Deutschland ist. Sieben Häuser für Obdachlose wurden in den siebzehn Jahren gebaut, fast tausend Personen wurden wieder in Beschäftigung gebracht. Die 300.000 Euro, die mit der Richter-Aktion im Juni eingenommen wurden, mehr Geld als sonst oft in einem ganzen Jahr, bilden den Sockel eines Wohnprojekts, das zwei Millionen Euro kosten wird.

          Auch „normale“ Spenden sind willkommen. Aber die großen Spenden werden mit Kunst akquiriert: Zwanzigtausend Kunden und Spender stehen in der Kartei der Galerie, und viele von ihnen sind inzwischen mehr als Kunden: „Da sind Ärzte dabei, die Obdachlose kostenlos behandeln, oder Anwälte, die sie vor Gericht vertreten, Künstler haben die Obdachlosigkeit zum Thema gemacht“, sagt Ostendorf. Ein Netzwerk ist entstanden, das weiter wächst: „Über die Galerie werden wir in die Lage gesetzt, für unsere regionalen Projekte weltweit zu werben: Die Leute wissen, dass sie für einen guten Zweck spenden, und sie bekommen noch ein schönes Bild.“

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