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Kunst als Beruf : Vier Prozent?

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Von ihrem Beruf zu leben ist die Ausnahme für viele Künstler: Ergebnisse einer Studie zu Kunst als Beruf.

          3 Min.

          Zufriedene Künstler sind keine Künstler, heißt es. Denn woher sollten sie ihre produktive Unruhe beziehen? Die Zufriedenheitsforschung, ein blühender Zweig der Soziologie, ist bei der bildenden Kunst also eigentlich an der falschen Adresse. Doch auch diese Wissenschaft muss sich herausgefordert sehen von einem eindeutigen Befund: Erfolg in der Kunst als Beruf ist nur einem Bruchteil derer beschieden, die sich daran mit einer akademischen Ausbildung versuchen. Jedenfalls wenn der Maßstab für das Glück darin liegt, an Biennalen, Messen und anderen Großschauen teilzunehmen, bei einflussreichen Galerien unterzukommen, in den Kunstmagazinen besprochen zu werden – und dank Sammlern ein Leben in gesichertem Wohlstand zu führen. Mit diesen Kriterien landet man bei jener „Überlebensrate vier Prozent“, die vor drei Jahren einem Symposion an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste den etwas sarkastischen Titel gab. In der Folge beauftragte die Akademie die Universität Hamburg mit einer Studie, die die Soziologen Henning Lohmann und Sascha Peter jetzt vorgelegt haben: „Kunst studieren – und was kommt danach?“

          Den Lebensunterhalt bestreiten

          1300 Absolventinnen und Absolventen der Hamburger Kunsthochschule aus den letzten fünfzehn Jahren wurden angeschrieben. Knapp 400 beantworteten die Fragen danach, wie sie ihr Studium rückblickend bewerten und ihr Standing in der Kunstszene einschätzen, ob sie weiterhin Kunst machen und schließlich, nicht ganz unerheblich, woraus sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Dieser nimmt sich, im Vergleich mit anderen akademisch geschulten Berufsgruppen, recht bescheiden aus: Die Hälfte der Befragten erwirtschaftete 2018 weniger als 17.000 Euro in hybrider Tätigkeit, also aus Jobs und eher raren Kunstverkäufen. Wiederum die Hälfte davon verdiente so wenig, dass sie, auch nach offizieller Lesart, als arm gelten kann. Die Kurve jener Künstler aber, die es im selben Jahr 2018 auf mehr als 18.000 bis hin zu 96.000 Euro oder mehr brachten, flacht von weniger als zehn Prozent rasch auf die besagten – höchstens – vier Prozent ab. Und auch diese Einnahmen gehen auf mehrere Verdienstquellen zurück, verdanken sich nicht allein der eigenen künstlerischen Produktion.

          Herauszufinden, wer von den Befragten den Unterhalt ganz von Kunstverkäufen bestreitet, war der Untersuchung nach Angaben der Forscher nicht möglich: Gerade diese Quote hätte man gern erfahren. Im Durchschnitt aller Befragten stammen die Einkommen zu je einem Drittel aus künstlerischen, kunstnahen und kunstfernen Tätigkeiten, immerhin. Dass Geld (allein) nicht glücklich macht, aber zum Wohlbefinden beiträgt, bestätigt die Studie mit einer Tabelle zu „Lebenszufriedenheit nach Einkommen, Erwerbsstatus und künstlerischer Etabliertheit“. Ein Viertel der Befragten gibt an, von einer Galerie vertreten zu werden. Bei der Beteiligung am Kunstbetrieb in Form von Ausstellungen wäre es informativ gewesen, um welche Ausstellungen es sich handelt; eine Schau in den Deichtorhallen hat anderes Gewicht als eine in der Volkshochschule. Fast vierzig Prozent empfinden sich als „etabliert“ – in welchem Bezugsrahmen: Wenn Verkäufe über die Bühne gehen, an wen? Und wie? Privat? Professionell? Hier offenbart sich eine gewisse Kunstferne der forschenden Soziologen, weshalb manche Resultate wenig aussagekräftig sind. Trotz der mageren Verdienstmöglichkeiten nennen vier von fünf Befragten ihr Studium als gewinnbringend für ihre persönliche Entwicklung und jeder Zweite auch dann, wenn die eigene Kunst keinen Ertrag für das Erwerbsleben abwirft. Viele Künstler leben, ohne jede Ironie festgestellt, vom Idealismus.

          Vielleicht ist eine realistische, pragmatische Selbsteinschätzung eine entscheidende Voraussetzung dafür, die Laufbahn nach der Akademie langfristig zu bestimmen. Denn der Grad der Zufriedenheit mit dem Leben erweist sich weniger in jungen Jahren als im vorgerückten Alter, wenn Fragen nach Daseinsvorsorge drängender werden und sich Alternativen im Broterwerb reduzieren. Ob in Hamburg, Berlin, Frankfurt oder im Rheinland: Überall leben viele Künstlerinnen und Künstler, die ein Alter um die fünfzig überschritten haben, täglich ins Atelier gehen und bemerkenswerte Werke schaffen, für die sich aber partout niemand so recht interessieren will. Schon gar nicht der Markt, der ist brutal. Aber Erfolg, wenigstens durchschnittliche Zufriedenheit, braucht offenbar nicht notwendig die große Bühne der Öffentlichkeit. Auch das ist nun soziologisch belegt.

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