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Zeitgenössische Kunst : Das Syndikat vom Bärenfell

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Im Jahr 1903 gründet André Level in Paris ein Konsortium, das in zeitgenössische Kunst investiert: Es war der Beginn der Geschichte eines phänomenalen Erfolgs.

          Konsortien, die in Gegenwartskunst investieren, um auf steigende Preise zu spekulieren: das klingt nach dem aufgeheizten aktuellen Kunstmarkt. Ein faszinierendes Beispiele für mutiges und erfolgreiches Investment in Gegenwartskunst fand jedoch in Paris, in der Dekade vor dem Ersten Weltkrieg, statt und stand unter der Maxime eines französischen Sprichworts, das auf eine Fabel von La Fontaine zurückgeht: „Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist“.

          André Level, ein Finanzangestellter und zunächst durchaus konventionell orientierter Sammler, hatte 1903, beim Besuch des ersten Pariser Herbstsalons, wo er auf Werke von Bonnard, Vuillard, Vallotton, Gauguin, Matisse, Marquet und Manguin stieß, die junge französische Gegenwartskunst für sich entdeckt: „Für mich war es eine Offenbarung“, schrieb er später in seinen „Erinnerungen eines Sammlers“: „Es gab da eine Kühnheit und Jugendlichkeit, die sich von der Monotonie und der Langeweile der großen jährlichen Salons abgrenzte. Ich sah dort Bilder, die mir, ohne dass ich auch nur die geringsten Zweifel hatte, die authentische Kunst unserer Epoche und der nahen Zukunft zu repräsentieren schienen. Ich glaubte daran, ich vertraute darauf.“

          Mit seiner Begeisterung für das Gesehene und entflammt von der Zeitgenossenschaft, die er in den neuen Werken spürte, spornte André Level einen Kreis junger Sammler an, Jahr für Jahr Werke aktueller Kunst zu kaufen. Gemeinsam mit elf Gleichgesinnten, darunter Bankiers und Geschäftsleute, alle unter vierzig Jahre alt, gründete er noch im selben Jahr die Vereinigung „La Peau de l’Ours“ (Das Bärenfell): Jedes Mitglied bezahlte 250 Franc im Jahr; aus dem Budget tätigte Level die Erwerbungen – bei Kunsthändlern, Ausstellungen und in den Ateliers junger Künstler.

          Je zwei Mitglieder der Vereinigung hatten bei seinen Erwerbungen ein Vetorecht, doch sie durften Level nicht zu Ankäufen drängen. Sämtliche Erwerbungen wurden schließlich per Los unter den Mitgliedern des Konsortiums aufgeteilt, die sich mit den Werken umgeben und die Wände ihrer Wohnungen mit den Bildern schmücken konnten. Nach zehn Jahren jedoch sollte der Gesamtbestand der Sammlung verkauft und der Erlös aufgeteilt werden. Keines der erworbenen Bilder durfte vorher veräußert werden und keines der Werke über die zehn Jahre hinaus im Besitz eines Mitglieds verbleiben.

          Ein unerwarteter Geldsegen für Matisse

          Ausgestattet mit dem Mandat und den finanziellen Mitteln seines Freundeskreises, vor allem aber mit seiner Neugier und Begeisterungsfähigkeit, ging Level in den folgenden Jahren auf Entdeckungsreise. Einer der ersten seiner Wege führte ihn zielsicher in das Atelier von Henri Matisse am Quai Saint-Michel, wo er dessen frühes „Stillleben mit Eiern“ (1896) und eine Ansicht des Pont Saint-Michel im Schnee erwarb.

          Für Matisse, der zu jener Zeit in ärmlichen Verhältnissen lebte, waren die vierhundert Franc, die er von Level erhielt, wie er sich erinnert, ein unerwarteter Geldsegen; für das Syndikat vom Bärenfell eines der ersten Investments. Noch 1904 kamen ein weiteres Werk von Matisse, zwei Bilder Picassos und Gauguins großformatiges Gemälde „Le violoncelliste. (Portrait des Musikers Fritz Schneklud)“ hinzu, das Gauguin zwischen zwei Südseereisen im Stil seiner Tahiti-Bilder gemalt hatte und das Level für dreihundert Francs erwerben konnte.

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