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Zum Fingerabdruck in der Kunst : Die heimliche Signatur

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Sind es Spuren von Leonardos Hand? Der Streit um die Zuschreibung eines Damenporträts geht weiter. Künstler der Gegenwart untergraben indes fleißig den Mythos vom Fingerabdruck.

          Wenn man doch bloß einen kompletten Fingerabdruck von Leonardo da Vinci hätte, der über jeden Zweifel erhaben wäre. Das wünscht sich momentan wohl vor allem der in Paris lebende Sammler Peter Silverman, der im Jahr 2007 die sogenannte „Bella Principessa“ im New Yorker Kunsthandel erworben hat. Dieses Damenporträt im strengen Profil, eine kleinformatige Feder- und Kreidezeichnung auf Velinpapier, wurde als Arbeit eines unbekannten deutschen Künstlers aus dem 19. Jahrhundert verkauft.

          Doch Silverman und auch verschiedene Kunsthistoriker wie etwa Martin Kemp von der University of Oxford behaupten, dass es sich um ein originales Werk von Leonardo da Vinci vom Ende des 15.Jahrhunderts handeln würde. Dies wäre nicht nur eine kunsthistorische Sensation, sondern würde auch den Wert der Arbeit auf geschätzte 150 Millionen Dollar hochschrauben. Die Zuschreibung ist in Fachkreisen jedoch höchst umstritten und wird aufgeregt diskutiert. Eine nicht unwichtige Rolle bei den Gutachten spielt ein Fingerabdruck, der sich auf der Farbfläche des Bildes befindet. Dieser Abdruck soll angeblich von Leonardo stammen und als einzigartiges Signum dessen künstlerische Urheberschaft bestätigen – und somit die Authentizität des Blattes.

          Auf einigen Gemälden und Zeichnungen sowie auf zahlreichen Manuskripten des Renaissancekünstlers finden sich in der Tat Fingerabdrücke, die seit 2002 an der italienischen Universität von Chieti systematisch untersucht werden. Doch woher will man wissen, welche Abdrücke von Leonardo und welche von seinen Lehrlingen, Gehilfen oder Sammlern stammen?

          Und selbst wenn man beweisen könnte, dass der Fingerabdruck auf der „Bella Principessa“ vom Meister selbst herrührt, so müsste das Bild trotzdem nicht zwangsläufig von ihm sein. Es könnte von einem anderen Maler stammen, und Leonardo hätte es vielleicht zur näheren Betrachtung in die Hand genommen und dabei den Abdruck hinterlassen. In der heutigen Kriminalistik wird der Fingerprint als Identitätsnachweis verwendet, doch er ist ein bloßes Indiz und kein Beweis. Vielleicht war Leonardo am „Tatort“, doch er muss nicht unbedingt der „Täter“ sein.

          Mythisch aufgeladene Spuren

          Der Fall dieses Porträts tangiert ein Thema, das nicht nur für die Kunstgeschichte von Bedeutung ist, sondern auch für die allgemeinen Erwartungen und Wünsche des Publikums hinsichtlich der Frage, ob und wie sich das Künstlersubjekt in seiner Arbeit sichtbar manifestiert. Die Vorstellung, dass die Hand Leonardos das Bild ganz unmittelbar berührt hat und dies auch fünf Jahrhunderte später immer noch visuell erfahrbar ist, verleiht ihm eine besondere Aura.

          Wie bei einer sogenannten Berührungsreliquie, mit der ein Heiliger nach Überzeugung der Gläubigen in Kontakt gekommen ist, erfährt die angebliche Zeichnung Leonardos durch den Fingerabdruck eine mythische Aufladung. Hier treffen sich der Wunsch des Kunstsammlers nach finanzieller Wertsteigerung und der Wunsch des Betrachters nach der Erfahrung des Authentischen. Von daher kann es nicht verwundern, dass vor allem moderne und zeitgenössische Künstler sich wiederholt mit dem Fingerprint als ungewöhnlicher Signatur oder allgemein als einem Zeichen der Authentizität beschäftigt haben. Dies geschah manchmal affirmativ, oft aber auch kritisch und mitunter humorvoll.

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