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Zum Beispiel Giacometti : Die Sache mit dem Original

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Für besonders schlau hielten sich jene Betrüger, die nicht nur Bronzen von Giacometti fälschten, sondern sich passend dazu auch Kataloge und Provenienzen ausdachten - die juristischen Hintergründe zum Skandal.

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          Einem Kunstfälscherring der besonders dreisten Art ist, wie berichtet, das Landeskriminalamt Baden-Württemberg jüngst auf die Schliche gekommen. Bei der Durchsuchung eines Lagers in der Nähe von Mainz entdeckte die Polizei rund tausend gefälschte Skulpturen, davon 160 Gipse Alberto Giacomettis. Aber nicht nur die Kunst ist falsch, auch die Geschichte, die sich einer der festgenommenen Betrüger zurechtgelegt hatte: Er soll sich als „Reichsgraf“ ausgegeben und bei Interessenten gefälschte Echtheitszertifikate vorgelegt haben.

          Er sei ein Freund von Alberto Giacomettis Bruder Diego und habe von diesem die Skulpturen aus einem geheimen Fundus übernommen. Zudem verfügte er über einen eigens hergestellten Werkkatalog zur Verifizierung der vorgeblichen Provenienz.Gerade bei Güssen wirft die Abgrenzung von Original und Fälschung nicht nur kunsthistorisch, sondern auch juristisch schon seit langem Fragen auf. Problematisch sind dabei nicht so sehr die Betrüger; denn deren Produkte sind unstreitig und nach allen Definitionen als Fälschungen zu bezeichnen. Es sind vielmehr die Grauzonen, in denen Nachlassverwalter, Erben oder gar die Künstler selbst agieren, wenn sie „Nachgüsse“ selbst herstellen, solche in Auftrag geben oder dulden.

          Rodin verfügte die Vervielfältigung im Testament

          Das deutsche Recht verwendet den Begriff des Originals im Steuer- und im Urheberrecht, ohne ihn näher zu definieren. Nach allgemeiner Auffassung ist für ein Original die Eigenhändigkeit der Schaffung nicht das maßgebliche Kriterium. Entscheidend ist bei Auflagenwerken vielmehr die Autorisierung durch den Künstler durch Signatur, Numerierung oder Ähnliches. Postume Abgüsse dürften nach dieser Auffassung eigentlich nie Originale sein, da eine aktuelle Autorisierung durch den Künstler nicht mehr möglich ist. Dem aber widerspricht das Beispiel Rodin, der testamentarisch festlegte, dass seine Werke für jedermann zugänglich sein und daher vervielfältigt werden sollen.

          Freilich geht der juristische Original-Begriff nicht immer konform mit der Wertschätzung und der Preisbildung auf dem Kunstmarkt. Der Markt verlangt vor allem Authentizität. Diese kann in Form von Autorisierung durch den Nachlassverwalter oder der Aufnahme in ein Werkverzeichnis gesichert werden. Die Voraussetzungen dafür kann der Künstler schon zu Lebzeiten durch möglichst klare Regelungen schaffen, wie zum Beispiel durch die Anweisung, Abgüsse gar nicht oder nur mit Autorisierung des Nachlassverwalters zu erstellen oder durch die Einsetzung mehrerer Nachlassverwalter, die sich gegenseitig kontrollieren.

          Uneindeutige Numerierung

          Auch entsprechende postume Gussstempel können bei Neugüssen Klarheit schaffen. Aber, so formuliert das Henrik Hanstein, der Inhaber des Kölner Auktionshauses Lempertz: Der Kunsthandel kann nicht genauer sein als der Urheber. Daher ist es an den Künstlern und deren Erben, Auflagen klar festzulegen sowie auf Gießerstempel und Numerierungen zu achten. Im Fall von Giacometti, dessen Werk einige unstimmige Auflagenzahlen aufweist, ist die Frage der Authentizität oft nicht leicht zu beantworten: Er ließ aus finanziellen Gründen bei verschiedenen Gießern seine Güsse anfertigen, wodurch auch mehrfach dieselbe Numerierung eines Werks auftreten konnte.

          Die Bestimmung der Echtheit durch die beiden nachlassverwaltenden Institutionen, die sich auch untereinander häufig uneins sind, kann so nicht mit letzter Sicherheit erwartet werden. Welche Sanktionen erwarten nun Fälscher wie die im geschilderten Fall? Zum einen kann der Nachlass kraft des Urheberrechts die Vervielfältigung und Verbreitung der Fälschungen sowie eine mögliche Entstellung des Werks untersagen; die angefertigten Güsse werden dann wohl vernichtet. Zudem können die Erben einen Schadensersatzanspruch geltend machen und die auch nach dem Tod weiterwirkenden Persönlichkeitsrechte des Künstlers gerichtlich schützen lassen.

          Haftung des Gutachters

          Die betrogenen Käufer können sich vom Kaufvertrag lösen, indem sie entweder von diesem zurücktreten oder ihn aufgrund arglistiger Täuschung anfechten, auch wenn nicht zu erwarten steht, dass sie ihre Rückabwicklungsansprüche durchsetzen können. Unter Umständen ergibt sich im vorliegenden Fall auch eine Haftung des Gutachters, der die Echtheitszertifikate ausgestellt hatte, oder des Autors des bereits erwähnten Kunstbuchs, das die Provenienz begründen sollte, gegenüber den Käufern, samt Anspruch auf Schadensersatz.

          Von den strafrechtlichen Aspekten des Falls wie Betrug, Hehlerei und Urkundenfälschung ganz zu schweigen. An der Wertschätzung des sehr hoch gehandelten Alberto Giacometti auf dem Markt dürfte dieser neue Fall - wie die Erfahrung zeigt - aber kaum etwas ändern.

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