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Unruhe in Maastricht : Die Sache mit der Steuer

Bleibt Maastricht eine Reise wert? Niederländische Pläne für eine Einfuhrumsatzsteuer auch für teure Kunstwerke könnten Maastricht als Tefaf-Standort gefährden. Schon werden andere Städte ins Gespräch gebracht.

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          Auf der European Fine Art Fair (Tefaf) in Maastricht herrscht in diesem Jahr Unruhe bei den Galeristen und Händlern. Diese konnte auch ein gemeinsames Schreiben von Tefaf-Chairman Ben Janssens und Maastrichts Bürgermeister Onno Hoes nicht beschwichtigen, das am ersten Öffnungstag an alle Aussteller ging.

          Denn darin steht nur, dass man sich nach Kräften bemühen werde, den drohenden Schaden zu beheben - dessen Ursache da lautet: Die Niederlande haben vor einiger Zeit die Mehrwertsteuer für Kunst angehoben und zwar auf neunzehn Prozent. Das bedeutet zunächst für die niederländischen Käufer auf der Messe in Maastricht eine Benachteiligung - sofern sie dort ihren Kauf auch zum Abschluss bringen würden (siehe dazu unseren Kasten auf dieser Seite), entsprechend naturgemäß für die Aussteller, denen solche Kaufbereitschaft wegbricht.

          Bankgarantie für die Temporary-Import-Kunstwerke

          Hinzu kommt aber offenbar ein zweiter, gänzlich irritierender Aspekt; dabei geht es um die Einfuhrumsatzsteuer. Diese kann bisher für teure Kunstwerke, die von einem europäischen Händler außerhalb der EU erworben wurden, zunächst vermieden werden durch deren „temporären Import“. So kann zum Beispiel ein von einem europäischen Händler in den Vereinigten Staaten erworbenes Bild von ihm auch wieder dorthin verkauft werden, ohne jemals von der Einfuhrumsatzsteuer berührt zu sein.

          Nun heißt es in Maastricht, dieses sehr praktische Verfahren werde künftig nicht mehr möglich sein, sondern es sei eine Bankgarantie für die Temporary-Import-Kunstwerke zu hinterlegen (deren Höhe aber bisher niemand zu kennen scheint). Es lässt sich angesichts des Angebots auf dieser höchstkarätigen Messe der Welt leicht ausdenken, was dieses Depositum für die Aussteller bedeuten würde. Jedenfalls macht schon die Rede davon die Konfusion erheblich.

          Was wäre zu tun? Maastricht könnte für die Dauer von Tefaf zu einer Art Tax Free Zone erklärt werden; das wäre immerhin ein Novum für eine Kunstmesse. Oder Tefaf in den Niederlanden könnte bald Geschichte sein - darüber denkt mancher schon laut nach; zu hören ist, dass es Gespräche gegeben habe, mit Brüssel, auch mit Basel: Für Basel wäre der Gewinn von Tefaf ein echter Coup, hätte man doch dann dort die beiden wichtigsten Kunstmessen der Welt. Noch ist nichts passiert. Und ganz sicher ist: Niemand will Maastricht im Frühling missen.

          Das kleine europäische Umsatzsteuer-Einmaleins

          Die Globalisierung des Kunsthandels stellt auch in puncto Steuern die Beteiligten immer wieder vor neue Herausforderungen. Grenzüberschreitende Verkäufe sind im Spitzensegment inzwischen eher die Regel als die Ausnahme - für den Händler schließt sich die Frage der umsatzsteuerlichen Behandlung an. Hierzu einige Beispiele:
          Privatmann P aus Italien kauft beim Galerist G in Köln ein Gemälde. Diese Lieferung des G unterliegt der ermäßigten deutschen Umsatzsteuer in Höhe von sieben Prozent, gleichgültig, ob und wann das Werk später nach Italien gelangt. Es gibt keine Möglichkeit der Steuerbefreiung oder der nachträglichen Steuererstattung.

          Ist P nun aber ein texanischer Sammler, so handelt es sich um eine sogenannte umsatzsteuerfreie Export-lieferung, die jedoch der amerikanische Privatkunde bei Einfuhr zu versteuern hat, das heißt es fällt die amerikanische Umsatzsteuer an.

          Anders hingegen verhält es sich, wenn G das Bild an einen in den Niederlanden (oder in einem anderen EU-Staat) ansässigen Privatsammler versendet und dabei eine bestimmte jährliche Lieferschwelle in dieses Land nicht überschreitet - hier ist der Verkauf im sogenannten Ursprungsland (dem Sitzland des Händlers) steuerbar und steuerpflichtig. Hat G hingegen die relevante Lieferschwelle überschritten, ist die Lieferung des G (gemäß § 3c Abs. 1 UStG) in den Niederlanden steuerbar.

          Das heißt, G muss die Lieferung zu dem (nicht mehr ermäßigten) holländischen Steuersatz versteuern und dort Umsatzsteuer-Erklärungen abgeben. Der Privatmann aus Holland stellt sich also unter Umständen besser, wenn er die Ware bei G in Köln abholt. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen, so vielfältig sind die denkbaren Konstellationen (für Händler gelten wieder andere Regeln).

          Wann eine Umsatzsteuerschuld entsteht, hängt übrigens vom Zeitpunkt der Leistung ab: Wird auf einer Messe ein Bild bar bezahlt und gleich übergeben, die Leistung also vollständig erbracht, so löst dies unmittelbar die Steuer aus. Im Regelfall verhält es sich aber anders: Bis auf einen Handschlag und den berühmten roten Punkt, der den Verkauf andeutet, geschieht auf einer Messe nämlich meistens nichts - jedenfalls nichts, was steuerlich von Relevanz ist.

          Gabor Mues

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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