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Symposion in Paris : Deutschland, einig Fälscherland?

  • -Aktualisiert am

Anlässe gibt es genug: Ein Symposion im Pariser Musée Rodin zum Thema Fälschungen von Skulpturen bekennt sich endlich zum Problem und fordert ein öffentliches Bewusstsein.

          Niemand weiß, wie viele es sind. Sie tummeln sich massenhaft im Internet, tauchen auf Flohmärkten und in renommierten Galerien, auf internationalen Kunstmessen und bei den großen Auktionshäusern auf. Kunstfälschungen stehen seit der bekanntgewordenen Affäre der Sammlung Werner Jägers und dem Prozess um mehr als tausend in Mainz beschlagnahmte gefälschte Skulpturen von Giacometti besonders im öffentlichen Interesse. Tatsächlich bilden diese Affären nur die Spitze eines Eisbergs.

          Ein von der Pariser Stiftung Alberto und Annette Giacometti im Musée Rodin veranstaltetes „Symposion über Kunstfälschungen: Der Fall von Skulpturen“ hat nun erstmals versucht, die Problematik der Kunstfälschung als „lukrativster aller Fälschungen“, deren Entwicklung die „Hausse echter Kunst“ begleite, im Licht der französischen und der deutschen Gesetzgebung zu umreißen.

          Das ursprünglich in deutsch-französischer Zusammenarbeit geplante Symposion ist zum Opfer des Jägers-Skandals geworden: Das Lehmbruck-Museum in Duisburg, wo die zusammen mit der Stiftung Giacometti vereinbarte Veranstaltung zunächst stattfinden sollte, hat das Symposion nach Bekanntwerden der Jägers-Affäre kurzfristig abgesagt: Das Museum ziehe es vor, die „Ermittlungen und Ergebnisse im Falle der Sammlung Werner Jägers“ abzuwarten, teilte der Direktor Raimund Stecker mit. Auf den Vorschlag des Museums, die Veranstaltung auf das Frühjahr 2011 zu verschieben, ist die Stiftung Giacometti nicht eingegangen.

          Das Symposion hat folglich in veränderter Form und mit einem überraschenden Akzent stattgefunden. Die Leiterin der Stiftung Giacometti, Véronique Wiesinger, stellte die Veranstaltung unter das Vorzeichen, dass „Deutschland ein von Skulpturenfälschern besonders geschätzter Verbreitungsort“ zu sein scheine. Dieser Eindruck mag durch die Aktualität entstanden sein. Vor weniger als zwanzig Jahren aber überschwemmte der französische Fälscher Guy Hain den Markt mit 6000 gefälschten Plastiken, hauptsächlich von Rodin, von denen der größte Teil noch im Umlauf ist - auch nicht gerade ein kleiner Fisch.

          Original und Reproduktion zugleich

          Ungeachtet dieser etwas schiefen Prämisse hat das Symposion vor allem aufgezeigt, dass es in beiden Ländern an einem öffentlichen Bewusstsein für das reale Ausmaß von Kunstfälschungen mangelt. Es gibt offenbar keine fundierten Statistiken: Véronique Wiesinger schätzt, dass allein für falsche Giacomettis Millionen ausgegeben werden. Kunstfälschung als Schädigung geistigen Eigentums trifft bei Behörden und Politikern auf weniger Verständnis als die Fälschung von Markenartikeln, bei der ganze Industriezweige und deren Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Gefälschte Markenartikel werden nach der Beschlagnahmung durch die Polizei vernichtet, falsche Kunstwerke oftmals an die Besitzer zurückgegeben. Der Besitz einer Fälschung ist kein Delikt.

          Bei Skulpturen, vor allem Bronzegüssen, ist die Definition von Original und Fälschung besonders schwierig. Als „materielle Fixierung des Werks“ sei das Original einer Skulptur auch gleichzeitig seine Reproduktion, erklärte Sylvie Nérisson, Juristin am Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht in München. Nach französischem Gesetz gelten die ersten acht Güsse einer Skulptur, zuzüglich vier Künstlerexemplaren, als Originale; alle weiteren Güsse sind Reproduktionen.

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