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Raubgrabungen : Die wandernden Helme aus Aragonien

  • -Aktualisiert am

Versuchte Wiedergutmachung: In London sind kostbare keltiberische Antiken aus Raubgrabungen aufgetaucht. Die Plünderungen sind in Spanien seit Jahren ein Problem, weil sie nur schwer in den Griff zu kriegen sind.

          Der Maler Gustave Doré verewigte 1862 in einem seiner Gemälde einen Dieb, der in der Alhambra seelenruhig Kacheln von der Wand schlägt, offensichtlich, um sie zu verkaufen. Einhundertfünfzig Jahre später sollten geschnitzte Holzbalken der Mezquita Córdobas in London versteigert werden. Wegen des Verdachts der illegalen Ausfuhr wurde die Auktion gestoppt.

          Spanien ist ein verhältnismäßig dünn besiedeltes Land mit viel Küste und noch mehr Kunstschätzen. Kein Wunder, dass das Land immer wieder wegen Rechtsstreitigkeiten um archäologische Funde in die Schlagzeilen gerät. Doch die Spezialeinheiten der Polizei kämpfen gegen Plünderungen wie Don Quijote gegen Windmühlen. Von rund fünfhundert illegalen Ausgrabungen pro Jahr erfährt man, die Dunkelziffer liegt viel höher.

          Jahrelang ignoriertes Problem

          Unter den Decknamen „Operation Helmet I“ und „Helmet II“ gelang der Guardia Civil im Februar und August 2013 die Festnahme zweier sechzigjähriger Männer aus Aragonien, in deren Besitz sich mehr als 6000 archäologische Objekte befanden, die offenbar aus illegalen Grabungen stammen. Dass der eine von ihnen bereits 1992 angezeigt worden war, als er mit einem Bagger und Lastwagen Erde abtrug, die nicht zu seinem Grund und Boden, sondern zu einer angrenzenden archäologischen Fundstätte gehörte, zeigt, wie schamlos sich manch einer am Kulturgut bedient.

          Es zeigt aber auch, dass der spanische Staat es jahrelang versäumte, jenen Wissenschaftlern Gehör zu schenken, die schon früh auf die Plünderungen und den Verkauf der Beutestücke im Ausland aufmerksam machten. Bei den „Helmet“,-Ermittlungen ging es um Raubgrabungen in der keltiberischen Siedlung Arátikos in der Nähe des Zweihundertseelendorfs Aranda de Moncayo in der Provinz Saragossa.

          Die Siedlung ist einer von fünfundvierzig bekannten archäologischen Fundorten in der Gegend. Als die Kelten im fünften und vierten Jahrhundert vor Christus den Norden und Westen der Iberischen Halbinsel besiedelten, gründeten sie den florierenden Stadtstaat Arátikos, der sogar eigene Münzen prägte.

          Offensichtliche Raubgrabungen

          Gerade deshalb ist diese unter Wiesen und zwischen Felsen verborgene Ruinenstadt für die Wissenschaft von enormer Bedeutung. Das Gebiet umfasst sieben Hektar, nur vierzig Prozent befinden sich in kommunaler Hand, und obwohl es seit 1991 offiziell als „Archäologische Zone“ eingestuft ist, steht die Aufnahme in die Liste der schützenswerten Kulturgüter (BIC) noch aus.

          Dass überhaupt jemand auf die Plünderungen aufmerksam machte, ist Professoren verschiedener spanischer Universitäten und Fachleuten vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (RGZM) zu verdanken. Schon 1990 wurden dort zwei in ihrer Ausarbeitung bis dahin völlig unbekannte Helme zur Begutachtung vorgelegt und als originale keltiberische Sonderform katalogisiert. Von insgesamt achtzehn Fundstücken war die Rede.

          Einer der Helme wurde noch im selben Jahr bei Phillips in London versteigert. Da die Helme ganz offensichtlich aus Raubgrabungen stammten und nicht aus Spanien hätten ausgeführt werden dürfen, schaltete das Museum damals die Polizei ein.

          Missverständnisse und Bürokratie

          Trotzdem erwarb der Berliner Bauunternehmer Axel Guttmann die Helme. Er machte kein Hehl daraus, auch geraubte oder illegal ausgeführte Objekte für seine große Waffensammlung anzukaufen. Das habe zur systematischen Zerstörung zahlreicher Grabanlagen in Spanien und besonders in Süditalien geführt, erklärt der Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe vom RGZM gegenüber dieser Zeitung.

          Während Müller-Karpe und die spanischen Forscher unter Vermittlung des Archäologischen Museums und des Deutschen Archäologischen Instituts in Madrid darauf hinwiesen, dass die Helme aus den Ruinen von Arátikos stammen und illegal ausgeführt worden sein müssen, schien das Kulturministerium in Madrid, trotz der Dokumente der Wissenschaftler, in Beweisnot zu geraten, wenn es darum ging, deren Herkunft zu bestimmen.

          Auch gab es offensichtlich Missverständnisse zwischen deutschen und spanischen Behörden; ein Antrag Spaniens auf Amtshilfe wurde von deutscher Seite abgelehnt; ein Madrider Gericht befand, die Beweislage sei ungenügend.

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