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Nicht nur On Kawara twittert : Konzeptkunst im Internet

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„Hallo, ich bin eine Skulptur; Du kannst mich Dir nicht leisten.“ Galeristen und Künstler oder jene, die sich dafür ausgeben, produzieren auf Twitter Unterhaltsames und Absurdes.

          Bei Larry Gagosian ist die Sache klar: Von den Plänen des Galeristen, im Herbst seine nunmehr dreizehnte Galerie - es ist eine weitere Dependance in London - zu eröffnen, erfuhren seine Anhänger auf Twitter als Erste. Gagosian nutzt, wie andere New Yorker Großgaleristen wie David Zwirner oder Hauser&Wirth, längst den elektronischen Kanal, um die jüngsten Superlative zu verbreiten. Was für Musiker oder Schauspieler seit Jahren Normalität ist, hat sich auch im Kunstbetrieb etabliert: Wer schreibt, bleibt. Das wird goutiert: die Gagosian Gallery hat 68.650 Followers auf Twitter.

          Viel spannender als die Statusmeldungen der Galerien sind allerdings die Tweets von Künstlern oder jenen, die sich dafür ausgeben. Hier hat sich eine digitale Kunstform entwickelt, die zwischen Person und digitaler Persona unterhaltsame Absurditäten produziert. So geht etwa der japanische Konzeptkünstler On Kawara, Jahrgang 1933, längst mit der Zeit: Verschickte er in den sechziger und siebziger Jahren Postkarten und Telegramme mit formalisierten Lebenszeichen an seine Freunde, so tweetet er jetzt. „I am still alive“ lautet die bislang 2815-mal versandte, tägliche Twitter-Botschaft für seine Anhänger. Das nennt man wohl Werktreue.

          „I will not make any more boring art“

          Auch John Baldessari, Jahrgang 1931, war für zwei Tage auf Twitter aktiv. Seine erste Nachricht am 7.Dezember 2010 lautete: „I was born on the internet as a concept.“ Schon zwei Tage später hatte John, oder wer auch immer sich hinter dem Pseudonym verbarg, jedoch schon keine Lust mehr. Seine Einträge schließen mit „I will not make any more boring art.“ Zum Glück erfreut sich der kalifornische Künstler im wahren Leben weiter daran, aufregende Kunst zu machen. Gerhard Richter gibt sich geschäftsmäßiger: Sein Team tweetet eifrig zu aktuellen Ausstellungen. Anders Jeff Koons. Der mit „NotJeffKoons“ bezeichnete Fake-Account ist böse und witzig: „Die positiven Botschaften meiner Kunst sprechen direkt zum Betrachter“ lautet der jüngste Tweet oder: „Sie sagt: Hallo, ich bin eine Skulptur; Du kannst mich Dir nicht leisten.“

          Die meisten Twitterkonten unter seinem Namen hat wahrscheinlich Andy Warhol. Das Medium passt perfekt zu seinen Tagebucheinträgen zu Lebzeiten, die nichts mehr waren als Twitter-Botschaften avant la lettre. Doch auch Liebhaber Alter Kunst kommen bei Twitter zum Zuge: Ein Unbekannter twittert als Leonardo da Vinci aus dem Jenseits. Und wenn er sich nicht gerade über seine schmerzenden Schultern beklagt oder sich fragt, wo er seine Pinsel hingelegt hat, dann blickt er mit bescheidener Zufriedenheit auf sein Werk zurück. „Es ist alles beendet. Ich hoffe, es gefällt euch.“

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