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Markt der Eitelkeiten : Platzt der Kunst das Herz?

Der Kunstmarkt meldet immer neue Rekorde. Kritiker zweifeln am Verstand der Sammler. Dabei ist der Markt nicht zuständig für die Qualität der Kunst. Vielmehr dient er als internationales Warenlager zur Selbstinszenierung.

          Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um." Das ist eines jener warnenden Sprichwörter, gar biblischen Ursprungs, die sich auf den Kunstmarkt perfekt anwenden lassen - oder aber abwandeln: Wer sich in den Kunstmarkt begibt, kommt ziemlich weit herum. Keineswegs nur geographisch, sondern auch in Sachen Verhaltensforschung und menschlicher Grundbedingtheiten, denn dieser Markt ist ein Lehrmeister für den Lauf der Dinge überhaupt. Nicht berechenbar, aber luzide. Bisweilen erratisch, aber nicht widerlegbar. Gelegentlich ungesund, aber immer faszinierend.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Gerade neigt sich die Herbstsaison mit ihren wichtigen Auktionen dem Ende zu, nicht nur in New York, wo die Schicksalsschlachten in den Abendveranstaltungen mit moderner und zeitgenössischer Kunst geschlagen werden, sondern auch im alten Europa, in Paris, Zürich oder Wien, und in den deutschen Städten mit ihren Traditionshäusern. Zu jedem denkbaren Zeitpunkt ist der Versuch, den Stand der Kunstdinge einzuschätzen, riskant. Aber es gibt zum Jahresende doch eine Evidenz, die all den Plätzen gemeinsam ist: Dieser Markt ist stark. Offenbar ist noch einmal in die Kulissen gedrängt, was den Kunstmarkt empfindlich schwächen kann: die Turbulenzen an den Börsen, der Ölpreis, die amerikanischen Hypotheken, die befürchtete neuerliche Rezession.

          Kunstmarkt mit Jetlag

          Jedenfalls bis auf weiteres. Ohnehin hat der Kunstmarkt nie unmittelbar auf die ökonomischen Schwankungen reagiert, sondern mit einem gewissen zeitlichen Verzug, zögerlich beinahe, wenn die seismographischen Schwingungen bei ihm ankamen. Hinzu kommt für die aktuelle Situation, dass sich die Klientel, die den internationalen Kunstmarkt bestimmt, dramatisch verändert hat, nicht nur nach Herkunft und Anzahl. Die russischen Plutokraten sind dazugekommen und die Superreichen aus ganz Asien. Auch der Standard der Marktkenntnisse der Kunden ist wesentlich gestiegen, Vernetzung und Kommunikation wurden perfektioniert.

          Dabei ist der Auktionsmarkt nur ein Segment des großen Kunstmarktkuchens, aber er ist das Sahnestück, über das sich am ehesten urteilen lässt. Das war nicht immer so. Jedoch hat sich seit ein paar Jahren eine veritable Tabellen-Industrie im Internet als ein freundlicher Schmarotzer auf die Wirtspflanze Auktionsmarkt gesetzt, von diesem durchaus genährt. Das hat die Transparenz enorm erhöht, weil jede Menge Daten und Informationen distribuiert werden. Deshalb dominiert die Rede über das internationale Versteigerungsgeschehen alle anderen Schauplätze - und das nicht nur zu deren Schaden: Wesentlich diskreter laufen die Geschäfte der Galeristen und Händler. Darum ist es keinesfalls ausgemacht, dass der zuletzt verkündete Auktionsrekord auch der höchste Preis überhaupt ist, der bisher für ein bestimmtes Werk oder einen bestimmten Künstler bezahlt wurde.

          Absprachen gehören dazu

          Am Ende hängt im übrigen auch auf dem Kunstmarkt alles mit allem zusammen: Keiner wird heute ernsthaft glauben, dass Galeristen und Kunsthändler nicht selbst Werke in die wichtigen Auktionen einliefern - und sie notfalls nicht auch selbst erwerben, sollten sie unterm Hammer mangels Geboten abzustürzen drohen. Das ist so wenig eine boshafte Unterstellung wie umgekehrt die - wirtschaftlich bloß vernünftige - Zusammenarbeit mehrerer Galeristen oder Händler beim Bieten auf ein besonders hochpreisiges Los: Absprachen sind in den Vereinigten Staaten verboten, aber wer kann schon freundschaftlichen Austausch bestrafen? Vor solchem ziemlich komplizierten Hintergrund könnte es schon mal ein wenig teurer werden, wenn ein privater Interessent vor der Versteigerung allzu deutlich vor allzu offenen Ohren sein Interesse an einem bestimmten Los signalisiert hat.

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