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Künstlernachlässe : Das verlorene Gedächtnis

  • -Aktualisiert am

Hunderte von Künstlern hinterlassen jedes Jahr ein Erbe, um das sich nur wenige Stellen in Deutschland kümmern. Wie viel Rettung ist möglich und nötig?

          3 Min.

          Was bleibt, sind seine Illustrationen in der Kleinen Bibliothek der „Winkler Weltliteratur“; mit sechzehn bezaubernden Aquarellen illustrierte der in Schwetzingen lebende Maler Alfons Klein 1998 E.T.A.Hoffmanns „Meister Floh“. Da war der an der Karlsruher Akademie ausgebildete Künstler schon 74 Jahre alt, noch voller Tatendrang. In seinem Atelier, einem ehemaligen Farbengeschäft, türmten sich Zeichnungen, Aquarelle, Ölgemälde und unzählige Skizzen. Stolz erzählte Alfons Klein von seinen Künstlerfreunden, von einigen Zeichnungen, Gemälden und Briefen „berühmter“ Kollegen, die er sorgfältig aufbewahrte, und von seiner Arbeit als Professor an der Fachhochschule für Gestaltung in Mannheim. Als er starb, wurde der gesamte Nachlass entsorgt, durch die nicht mehr mit Gardinen versehenen Schaufenster waren die Regale zu sehen - leer.

          Alfons Klein war offensichtlich nicht das Schicksal von Friedrich Wilhelm Jochem gegönnt, einem Meisterschüler des Darmstädter Künstlerkolonie-Gründers Joseph Maria Olbrich. Jochem starb 1945, und alle Bemühungen, seinen Nachlass in die Obhut der Stadt zu bringen, scheiterten. Mehr als zweihundert Skizzen, Briefe, Arbeiten befreundeter Künstler und unzählige Fotos - alles landete im Jahr 2000 im Container. Zum Glück fand die Müllabfuhr erst einen Tag später statt, so dass Klaus K.Netuschil, der Initiator des „Kunst Archivs“ in Darmstadt, mit der Tatkraft seiner freiwilligen Helfer diesen Nachlass retten konnte. Ebenfalls in letzter Minute brachte er auch den Nachlass von Helmut Lortz in Sicherheit: Lortz verhalf dem weitgehend zerstörten Darmstadt nach dem Krieg wieder dazu, als Stadt der Kunst zu firmieren. Kein Plakat, kaum eine Publikation in den vierziger bis sechziger Jahren, an denen der Professor für experimentelle Graphik an der Berliner Hochschule der Künste nicht mitgewirkt hätte. Netuschil und seine Helfer konnten 25 Kubikmeter Material retten und auch einen Lagerraum dafür finden.

          Ein neues Bewusstsein

          Spätestens seit dem Einsturz des Kölner Archivs im März 2009 weiß man, was für eine Katastrophe der Verlust von Nachlässen für das kulturelle Gedächtnis bedeutet. Der Schaden in Köln wird auf eine Milliarde Euro geschätzt, allein die Restaurierungskosten liegen zwischen 350 und 400 Millionen Euro; die entsprechenden Maßnahmen sind auf fünfzig Jahre angesetzt. Dabei gelingt es der „Stiftung Stadtgedächtnis“, die die Restaurierungs- und Digitalisierungsarbeiten unterstützen soll, nicht, ausreichend Spenden einzuwerben.

          In Brauweiler nahe Köln gibt es seit 2010 das „Archiv für Künstlernachlässe der Stiftung Kunstfonds“, das sich der Erfassung, Sicherung und Aufbewahrung gesamter Werkkomplexe der jüngeren Kunst widmet. Das Projekt auf dem Gutshof einer rheinischen Abtei versteht sich als bundesweite Anlaufstelle. Ebenfalls in Nordrhein-Westfalen, nämlich in Bonn, befindet sich das „Rheinische Archiv für Künstlernachlässe“. Diese beiden Initiativen seien bloß exemplarisch erwähnt für noch mehr Bemühungen, den Künstlern über ihren Tod hinaus ein Forum für die Erinnerung zu bieten.

          Selbstverständlich kann nur ein geringer Teil der künstlerischen Produktion für die Nachwelt erhalten werden. Es stellt sich daher die Frage, nach welchen Kriterien die künstlerischen Aktivitäten zu bewerten sind: das heißt, das eigentliche malerische, zeichnerische oder skulpturale Œuvre neben persönlichen Dokumenten wie Briefen, Notizen oder auf das eigene Wirken bezogenen Texten, die nur in seltenen Fällen zusammen aufbewahrt werden können. Es ist gut möglich, dass der schriftliche Nachlass eines Künstlers den künstlerischen Wert übersteigt, nicht selten mangels erhaltener Werke. So auch im Fall des Malers Valentin Talaga, der noch bei der Ausstellung „Bonn und der Rheinische Expressionismus“ 1952 hohe Anerkennung erfuhr, dann aber gänzlich in Vergessenheit geriet. Nur durch glückliche Fügung konnte man den in den Vereinigten Staaten aufbewahrten schriftlichen Nachlass des 1941 im Krieg gefallenen Malers aufspüren und in das „Rheinische Archiv für Künstlernachlässe“ in Bonn (bis heute sind dort etwa sechzig schriftliche Künstlernachlässe untergebracht) aufnehmen. Denn Talagas Nachlass wirft einen detailreichen Blick auf die rheinische Kunstszene.

          Idealfall Digitalisierung

          Allein mit der sachgemäßen Aufbewahrung der Werke - Klimatisierung, Feuchtigkeitsüberwachung, Lichtregulierung - ist es aber nicht getan. Es ist ebenso notwendig, die Bestände zu bearbeiten, sie bekannt zu machen und die enthaltenen Arbeiten selbst auszustellen oder als Leihgaben für Museumsausstellungen zur Verfügung zu stellen. Der Idealfall wäre eine komplette Digitalisierung beider Bestandteile, damit sowohl die künstlerischen Werke als auch der biographische Nachlass nicht aus dem Gedächtnis verschwinden. Das alles kostet aber, ebenso wie die Lagerung und Bearbeitung, Geld, und die häufig ehrenamtlich tätigen Idealisten tun sich schwer mit dem Erbe, wo die öffentliche Hand kein Interesse am Erhalt hat oder keine Mittel dafür.

          Hilfe für Mannheim

          Auch aus diesem Grund wurde das „Projekt Nachlass-Stiftung für Mannheimer Künstler“ nun um einen „Freundeskreis Kulturnachlässe“ erweitert. Die in einem Depot mit 148 Quadratmetern sachgerecht untergebrachten sechs Nachlässe mit 330 Gemälden (neben anderen von Norbert Nüssle und Peter Schnatz), 250 Arbeiten auf Papier und vier Plastiken - dazu die noch anstehenden oder schon getätigten Erwerbungen (wie die unlängst geretteten sechzehn bemalten Schultüren des Mannheimer Künstlers Walter Stallwitz) - sprengen nicht nur die räumlichen Möglichkeiten, sondern auch die Kräfte des kleinen Teams, das sich auf eine breitere Basis stellen muss. Bis man in Mannheim, wie zum Beispiel das Darmstädter „Kunst Archiv“ mit seinen 500 Mitgliedern, ein viel größeres „Rettungsspektrum“ anbieten kann, wird es noch eine Zeit dauern. Die Probleme solcher Kulturnachlässe, die von Vernichtung bedroht sind, bleiben unvermindert akut.

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