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Kommentar : Wann wird die Marke von hundert Millionen Dollar überboten? Der internationale Kunstmarkt ist ein schicker Wanderzirkus

Wenn in einer Londoner Auktion Gemälde der jüngsten deutschen Malerschaft für ein Mehrfaches der Summen zugeschlagen werden, die sie zuletzt bei ihren Galeristen gekostet hatten, so zeigt das zwar, daß auch Kunst ein Konsumartikel ohne Reue sein kann, doch indizieren solche Ausbeulungen keine Krise und schon gar keinen Crash des internationalen Markts.

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          Seit den achtziger Jahren ist der internationale Kunstmarkt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Die Zahl der Interessierten nimmt ständig zu; offenkundig hat dieser Markt eminenten Unterhaltungswert gewonnen. Waren die Auktionen mit Kunstwerken früher die traditionellen Veranstaltungen, auf denen sich die Händler mit neuer Ware eindeckten, sind sie heute die bevorzugten Umschlagplätze für das Engagement von Privatleuten. Daneben funktionieren sie als gesellschaftliche Ereignisse ersten Ranges - oder nehmen in besonderen Fällen Volksfestcharakter an wie die zehntägige Versteigerung aus Welfenbesitz auf der Marienburg bei Hannover, die im Oktober rund 44 Millionen Euro umsetzte.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der internationale Kunstmarkt setzt sich als eine Art schicker Wanderzirkus zusammen aus glamourösen Treffpunkten, wie es die Moderne-Kunstmessen sind - allen voran in Basel, in Miami Beach und neuerdings in London. Von höchster Anziehung ist, nicht nur an diesen Verkaufsplätzen, der Markt mit zeitgenössischer, radikal gegenwärtiger Kunst.

          Auf diesem Terrain kann es zu Ausreißern kommen, die das Gesamtbild punktuell verzerren. Wenn in einer Londoner Auktion Gemälde der jüngsten deutschen Malerschaft für ein Mehrfaches der Summen zugeschlagen werden, die sie zuletzt bei ihren Galeristen gekostet hatten, so zeigt das zweierlei: zum einen, wieviel Geld für Kunst ausgegeben werden soll, und zum zweiten einen gewissen Herdeneffekt, der eine bestimmte Käuferschicht nicht mehr nach gewohnten Maßstäben auswählen läßt. Auch Kunst kann also ein Konsumartikel ohne Reue sein. Entsprechend indizieren solche Ausbeulungen keine Krise und schon gar keinen Crash des internationalen Markts.

          Gute Stimmung in Deutschland

          Betrachtet man die aktuellen Bilanzen, vor allem die der führenden Auktionsfirmen, dann läßt sich richtiggehend gute Stimmung diagnostizieren - sogar in Deutschland. Denn die Jahresumsätze der deutschen Häuser sind deutlich gestiegen. Die beiden größten, die Berliner Villa Grisebach und das Kölner Kunsthaus Lempertz, liegen mit Umsätzen von jeweils rund 38 Millionen Euro gleichauf; für beide handelt es sich um Spitzenergebnisse in ihrer Geschichte.

          Zwar können die internationalen Firmen Christie's und Sotheby's für 2005 keinen absoluten Rekord verzeichnen - im Vorjahr hatte ein bis heute unbekannter Käufer hundert Millionen Dollar, das Aufgeld für den Käufer eingerechnet, für Picassos attraktiven „Garçon à la pipe“ bei Sotheby's bezahlt. Die Spitze liegt 2005 in einer großformatigen Venedig-Vedute des Canaletto, die in London für 16,6 Millionen Pfund netto zugeschlagen wurde (das sind gut 29,1 Millionen Dollar). Aber ihre Zahlen sind stark, ihre Zugpferde sind die Moderne, die zeitgenössische Kunst und die Asiatika. Außerdem werden sehr rare Lose adäquat honoriert: So ist im Mai bei Christie's in New York der „Vogel im Raum“, eine Skulptur des Rumänen Constantin Brancusi vom Anfang der zwanziger Jahre, mit dem Zuschlag von 24,5 Millionen Dollar zur teuersten Plastik der Auktionsgeschichte geworden.

          Alte Meister und neue Käufergruppen

          Was den Markt mit alter Kunst, vor allem mit Gemälden Alter Meister, angeht - deren Preise in der Regel weit hinter denen für Werke des Impressionismus oder der klassischen Moderne zurückbleiben -, so kann auf diesem Sektor das Angebot offensichtlich die Nachfrage nach Spitzenstücken nicht befriedigen. Die jüngsten Londoner Auktionen beweisen dies eindrucksvoll; das Angebot wurde außerordentlich wählerisch beboten. Zudem ist der Altmeister-Markt weniger anfällig für Moden.

          International, auch in Deutschland, treten neue Käufergruppen auf, maßgeblich Russen und Chinesen. Das führt zu Höchstpreisen auf weiteren Feldern. Für diesen Wandel spricht, daß zu den weltweit zehn teuersten Kunstwerken in Auktionen des Jahres 2005 allein zwei chinesische Vasen zählen, die in London und Hongkong umgerechnet 24,5 Millionen und 13,3 Millionen Dollar netto kosteten.

          Der dramatische Einbruch Anfang der Neunziger

          Im ganzen mag man es bedauern, daß in bestimmten Bereichen auf dem Kunstmarkt Eitelkeiten und Neureichtum vor Dezenz und Kennerschaft rangieren - an der echten Kaufkraft des Geldes, das zur Zeit für Kunst zur Verfügung steht, ändern solche Beschränkungen nichts. Deshalb auch entbehren Vergleiche mit den Jahren 1989 und 1990, die einen dramatischen und für die Beteiligten global bis heute traumatischen Einbruch am Kunstmarkt sahen, oder gar mit den Folgen aus dem Platzen der Dotcom-Blase am Ende der New Economy jeglicher Grundlage.

          Zu Beginn der neunziger Jahre - man erinnert sich, daß damals der japanische Fabrikant Ryoei Saito 160 Millionen Dollar an zwei aufeinanderfolgenden Tagen für van Goghs „Porträt des Doktor Gachet“ und Renoirs „Au Moulin de la Galette“ zahlte - handelte es sich um einen Kunstmarkt, der überhitzt war durch die Spirale, die sich bildete aus den Preiserwartungen der Einlieferer, den von den Auktionsfirmen garantierten Mindestpreisen und Spekulanten im Saal.

          Warten auf den „Turm der blauen Pferde“

          Auch der aktuelle Markt ist geprägt von einem starken, ständig wachsenden Bedürfnis, Geld in Kunst anzulegen. Doch anders als die fiktiven Mittel aus der New Economy speist sich das Geld, das nun flüssig ist, aus Mitnahmen aus den Hedge-Fonds, der anhaltenden Finanzkraft privater Sammler und aus solchen Gewinnen, wie sie in Rußland oder neuerdings in China erzielt werden. Diese Ressourcen sind gerade keine Voraussetzungen für einen drohenden Kollaps. Die momentane Stimmung sieht eher so aus, daß die einschlägige Klientel gespannt auf das Werk im Auktionssaal wartet, das die Hundert-Millionen-Dollar-Marke endlich überbieten kann: Käme Franz Marcs noch immer vermißter „Turm der blauen Pferde“ wieder - es wäre wohl soweit.

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