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Kleine Preiskunde : Sinneswandel

Es sieht fast so aus, als ob sich die Kunden der New Yorker Zeitgenossen-Auktionen ein paar Gedanken mehr gemacht haben. Denn ihre Einkäufe im Hochpreisbereich wirken erstaunlich überlegt.

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          Was aber bedeutet in diesen Zeiten contemporary? Oder post-war - „zeitgenössisch“ also und „Nachkrieg“ (Letzteres ohnehin eine schwierige Kategorie)? Die New Yorker Sieger der Gegenwart sind ja wohl die Heroen aus jener Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, dass die Kunst die gesellschaftliche Oberfläche aufbreche.

          Damit wird jetzt das ganz große Geld gemacht. Auch wenn Andy Warhol und Roy Lichtenstein längst unter der Erde sind. Was heißt das? Es heißt zunächst, dass jedes kapitale Werk dieser Altherrenriege, das die - inzwischen globale - Klientel kriegen kann, besser ist als anderweitig verzocktes Kapital. Doch da ist auch Hoffnung: Denn bei diesem New Yorker Schaulaufen, das (bitte Vorsicht!) mit seinen Mega-Summen an den, nur vorübergehend krisenhalber irritierten, Markt anschließt, hat sich vielleicht eine kleine boshafte Irritation eingeschlichen.

          Sanfter Hinweis auf einen Sinneswandel

          Eine hauchfeine Verschiebung, deren Auswirkungen indessen nach Dollarmillionen zählen. Da waren doch drei Warhols unterwegs, jenseits der Zwanzig-Millionen-Dollar-Marge: Tatsächlich ist von denen das (mit Verlaub) beste Werk, nämlich das markante, durchaus sperrige „The Men in Her Life“, auch das teuerste geworden. Das ist gar nicht selbstverständlich - und auch nicht, dass das günstigst taxierte Bild, die umwerfende überlebensgroße Coca-Cola-Flasche, das nächstliegende glatte Motiv, eine überdimensionale Suppenbüchse samt Öffner, am Ende um sage und schreibe zehn Millionen überrundet hat.

          Ob sich auf diese Weise potente Käufer verabschieden von den ausgetretenen Pfaden schierer Gefälligkeit (einmal abgesehen von der Frage, welches der Auktionshäuser zuvor die effizienteste Kundenpolitik betrieben hat)? Denn da wäre schließlich noch - als ein Zeuge für Qualitätssinn - Gerhard Richter (der gottseidank auch noch lebt), als weiterer sanfter Hinweis auf einen Sinneswandel.

          Störungsfrei strahlen Richters Kerzen

          Von ihm waren jetzt wichtige Werke unterwegs, deren eines deutlich auf einen neuen Auktionsrekord abzielte: Das war eines von Richters inzwischen ein wenig notorischen Kerzen-Bildern (die eben über jeder Couch der Welt störungsfrei strahlen können); es sollte mindestens zwölf und bis zu sechzehn Millionen Dollar erlösen. Seinen großartigen frühen, musealen „Matrosen“ aus dem Jahr 1966 (die selbstredend auch unscharf sind) wurden hingegen gerade einmal sechs bis acht Millionen zugetraut.

          Doch auch hier kam es anders: Während die „Zwei Kerzen“ mit 11,5 Millionen Dollar hinter ihrer Schätzung zurückblieben, stiegen die „Matrosen“ auf erfreuliche 11,75 Millionen hinauf. Nein, das ist noch kein Trend. Aber eine hübsche Vorstellung: Denken statt Deko.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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