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Kein Skandal : Ist schon o.k., verkauft den Monet!

  • -Aktualisiert am

Die Abgabe von Museumsbeständen gilt hierzulande als Tabu, dabei ist für manches Haus die Verwaltung von Sammelsurien längst die Hauptaufgabe. Jetzt wird Franz Gertschs „Luciano“ aus dem Neuen Museum Weserburg versteigert. Zu Recht?

          Zum Skandal taugt der Fall nicht. Wenn am 15. Februar bei Sotheby's in London Franz Gertschs Porträt „Luciano I“ von 1976 aus dem Besitz des Neuen Museums Weserburg in Bremen für eine Taxe von 500 000 bis 700 000 Pfund zum Aufruf kommt, wird nicht willkürlich öffentliches Kulturgut verscherbelt. Die Weserburg ist ein Sammler-“Museum“, keine staatliche Einrichtung.

          Sie wird von einer Stiftung des Bürgerlichen Rechts getragen - wenn auch im Rahmen einer „Private Public Partnership“ mit der klammen Hansestadt Bremen. Der Verkauf erfolgt, um mit dem Erlös die Zukunft des gewollten, aber unterfinanzierten Hauses zu sichern. Dazu bedarf es - nota bene! - offenbar nicht zuletzt der Installation einer teuren Klimaanlage, die eine konservatorisch unbedenkliche Präsentation ermöglicht.

          Der frühere Eigentümer von „Luciano“ kennt die Pläne der Stiftung. Er hat sein Placet gegeben. Überdies ist bereits 2010 ein anderes Exponat des Hauses versteigert worden: Gerhard Richters „Matrosen“. Nahezu zwölf Millionen Dollar zuzüglich des Aufgelds hat das Großformat in New York erzielt. So wie das Bild von Gertsch gehörte es der Stiftung Ludwig-Roselius-Museum, deren Bestände 2004 auf die Weserburg übergegangen waren.

          Weitere Stücke der Roselius-Sammlung - darunter Werke von Piene, Uecker und Schumacher - sind ebenfalls verkauft. Siebenstellig soll der Preis gewesen sein. Durch private Unterstützung gehören sie heute zum Fundus der Bremer Kunsthalle. Also alles zum Besten? Nicht wirklich. Unbehagen macht sich breit. Zu lebhaft ist der Bonner Fall „Baselitz“ in Erinnerung.

          Mit Zustimmung der Stadtverwaltung hatte das Kunstmuseum 2000 ein Bild des Malers verkauft, um dadurch die Kosten einer beim Publikum gefloppten Schau zu kompensieren. In Krefeld wiederum wurde 2006 erwogen, Monets „Parlament in London“ von 1904 in den Kunstmarkt einzuspeisen.

          Eine Art „Verkaufs“-Schau in Wuppertal

          Mit dem erhofften Erlös in zweistelliger Millionenhöhe wollte man das Kaiser-Wilhelm-Museum der Stadt sanieren. Eine Art juristische Regieanweisung für solche Aktionen hatte ein paar Jahre zuvor die angesehene „Michigan Law Review“ gegeben. Sie trug den prophetischen Titel „When It's OK To Sell the Monet“.

          In Hamburg, wo die staatlichen Museen wegen ihrer Finanznöte für Schlagzeilen sorgen, wurde hinter schlecht verschlossenen Türen darüber philosophiert, ob der Verkauf von Beständen aus der Kunsthalle ein Weg sei, um dem verschuldeten Haus mehr Luft zu verschaffen. Man erinnere sich: Es war 2010 teilweise geschlossen worden. Vorgeblich funktionierte der Brandschutz in der Galerie der Gegenwart nicht. Tatsächlich musste man wohl Betriebskosten sparen.

          Und in Wuppertal veranstaltet das städtische Von der Heydt-Museum eine Art „Verkaufs“-Schau und bietet Werke des Kunstpädagogen Gustav Wiethüchter (1873 bis 1946) feil - nach dem offenherzigen Bekenntnis des Direktors, um die Depots ein bisschen zu leeren.

          Der Kämmerer als gieriges Schreckgespenst

          Marktplatz Museum? Dirk Boll, European Director von Christie's, hat in einem Bändchen einem guten Dutzend Museumsexperten und Kulturpolitikern Gelegenheit gegeben, Stellung zu beziehen. Herausgekommen ist ein entschiedenes Nein-Aber-Aber-Aber. Trotz Bekenntnissen zum Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln und flammenden Plädoyers gegen Entscheidungen nach Kassenlage schimmert es zwischen den Zeilen durch: Der Verkauf ist keine Frage mehr des „Ob“, sondern bestenfalls des „Wie“ und vor allem des „Wozu“.

          Freilich erweist es der Sache einen Bärendienst, wenn man die Deakzession stets mit dem Fokus auf „große Kunst“, das heißt vorgeblich unersetzbare Schätze diskutiert. Und sowenig hilfreich der von Abgabeapologeten wiederholte Hinweis auf die grandiosen Marktaktivitäten großer - aber eben meist privater - amerikanischer Einrichtungen ist, so durchsichtig ist das Schreckgespenst des allein aufs Geld schielenden Kämmerers, das die Hüter tradierter Museumsmoral anführen.

          Sammeln und Konservieren sind nur Idealvorstellungen

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