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In Erwartung eines Caravaggios : Jack Tanzers Vermächtnis

  • -Aktualisiert am

Der Kunsthändler Jack Tanzer hat 1983 ein Gemälde gekauft, das er für einen eigenhändigen Caravaggio hielt. Seit Tanzers Tod setzt sein Nachlassverwalter die Bemühungen um den Echtheitsbeweis fort - und bedient sich dabei mit Geld aus dem Erbe. Ist das rechtens?

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          Der Baseballspieler Willie Mays wurde 1951 von den New York Giants engagiert. 2005 las man in der „New York Times“ in der Todesanzeige des Kunsthändlers Jack Tanzer, dieser sei damals als Angestellter einer Public-Relations-Agentur der gesetzliche Vormund („legal guardian“) des Achtzehnjährigen gewesen. Ganz so, wie es da stand, wird die Geschichte wohl nicht stimmen. Mays war zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung 21 Jahre alt. Möglicherweise war Tanzer nicht im juristischen Sinne befugt, anstelle von Mays zu handeln, aber er verstand sich wohl im moralischen Sinne als Vormund des begnadeten Anfängers. Die Investition machte sich bezahlt: Mays wurde einer der besten Spieler aller Zeiten.

          Vom Sport in den Kunsthandel

          Dass Tanzer aus dem Sportrechtegeschäft in den Kunsthandel wechselte, schrieb er dem glücklichen Zufall zu, dass er den Galeristen Warren Adelson aus Boston kennenlernte. 1967 machten sie ein Geschäft in New York auf; ihr reichster Kunde war Walter Chrysler, Jr. Von 1971 bis 1985 leitete Tanzer die Abteilung für Alte Meister bei Knoedler & Company, der ältesten Galerie von New York. Danach gründete er noch einmal eine Galerie auf der Upper East Side. Für die Zeit nach seinem Tod übertrug Tanzer seinem einstigen Kompagnon und Mentor Adelson die Wahrnehmung seiner Interessen.

          2011 beantragte Jack Tanzers Sohn Edward beim Nachlassgericht in Manhattan, Adelson als Testamentsvollstrecker zu entlassen. Jetzt hat Edward Tanzer in einem neuen Schriftsatz gerügt, dass Adelson seiner Pflicht zur Rechenschaftslegung nicht nachgekommen sei. Der Sohn fürchtet die Aufzehrung des Erbes, weil der Testamentsvollstrecker zu viel tue, um dessen Wert zu vermehren. Wie das?

          Ein echter Caravaggio?

          1983 erwarb Jack Tanzer ein Gemälde, das er für einen eigenhändigen Caravaggio hielt. Adelson setzt Tanzers Bemühungen um einen Echtheitsbeweis fort und hat 500.000 Dollar für diesen Zweck ausgegeben, unter anderem für eine Expertise von Robert Simon, einem weiteren New Yorker Händlerkollegen. Er selbst ist zu einem Viertel an dem Bild beteiligt und macht deshalb gegenüber dem Tanzer-Nachlass nur Kosten in Höhe von 375.000 Dollar geltend. Vor Gericht legte er dar, dass die Erwartung des Wertzuwachses die Ausgaben rechtfertige.

          Wie auch immer Adelsons Doppelrolle als Nachlassverwalter und Teilnachlassmiteigentümer rechtlich zu bewerten ist: Jedenfalls im übertragenen Sinne erfüllt er das Vermächtnis des Freundes, wenn er erreichen will, dass dessen Glaube an Caravaggios Handschrift sich ebenso rentiert wie einst das Vertrauen in den jungen Willie Mays. Legendär war Tanzers Händchen für Tauschgeschäfte. Der Kenner entdeckt, was unter Wert gehandelt wird. Solches Spekulieren war Jack Tanzers sportliches Talent.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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